Eine leise Umarmung aus Worten

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bua1705 Avatar

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Mit „Mathilde und Marie“ legt Torsten Woywod seinen Debütroman vor – und er tut das mit einer bemerkenswerten Sanftheit, die sofort berührt. Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass dies kein lauter, dramatischer Roman ist, sondern einer, der sich leise in das Herz der Lesenden schleicht. Die Geschichte entfaltet sich mit einer Wärme, die man in der heutigen, oft hektischen Literaturwelt selten findet.

Im Mittelpunkt steht die junge Studentin Marie, eine Figur, die man sofort ins Herz schließt. Sie ist empathisch, verletzlich und zugleich voller stiller Stärke. Ihre Flucht aus Paris wirkt wie ein Aufatmen – nicht nur für sie, sondern auch für die Lesenden, die gemeinsam mit ihr in das kleine belgische Bücherdorf Redu eintauchen. Dort findet sie bei Jónína, ein neues Zuhause, die mit ihrer Offenheit und Menschenkenntnis zu einer Art Ankerfigur wird.

Redu selbst ist ein literarischer Sehnsuchtsort: ein Dorf voller Buchhandlungen, liebevoller Menschen und entschleunigter Lebensweise. Woywod beschreibt diesen Ort mit so viel Detailverliebtheit, dass man ihn beinahe riechen, hören und fühlen kann. Der Roman lebt von dieser Sinnlichkeit – er ist atmosphärisch, poetisch und wirkt wie eine sanfte Umarmung.

Die Dorfbewohner – der gutmütige Bäcker Thomas, die Kräuterfrau Louise, die zunächst verschlossene Mathilde und natürlich Labrador Anneliese – sie alle bilden ein warmes Geflecht aus Beziehungen, das Marie langsam wieder Vertrauen fassen lässt. Besonders schön ist, wie der Roman zeigt, dass Heilung oft im Kleinen beginnt: in Gesprächen, in Begegnungen, in der Stille eines Ortes ohne Internet und Supermarkt.

Der Satz „Im Alltag beschränken wir uns auf jene Dinge, die wir für wesentlich halten“ zieht sich wie ein stilles Leitmotiv durch die Geschichte. Er spiegelt die Essenz des Romans wider: das Wesentliche wiederzufinden, indem man sich dem Unwesentlichen entzieht.

„Mathilde und Marie“ ist ein ruhiger, herzöffnender Roman, der mit poetischem Stil und liebevollen Figuren überzeugt. Er lädt dazu ein, langsamer zu werden, hinzusehen und sich auf die kleinen, heilsamen Momente des Lebens einzulassen. Torsten Woywods Debüt fühlt sich an wie ein literarischer Rückzugsort – warm, vertraut und voller Menschlichkeit.

Wer Geschichten mag, die nicht laut, sondern tief wirken, wird dieses Buch lieben.