Eine Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt im Leben
„Mathilde und Marie“ ist ein sehr warmherziges Buch. Von der ersten Zeile an hat es mich in einen zauberhaft entspannten Lesezustand versetzt, der mich durch die gesamte Lektüre begleitet hat. Darum geht es offensichtlich auch dem BuchautorTorsten Woywod : Es ist kein Roman, der sich klassisch mit dem realen Leben auseinandersetzt, sondern ist vielmehr eine liebevolle Hommage an das menschliche Miteinander, die Kraft einer harmonischen Gemeinschaft und die heilende Wirkung der Natur auf Körper und Geist. Protagonistin ist die 25-jährige Studentin Marie, die völlig ausgebrannt und unglücklich aus der hektischen Großstadt Paris flieht. Sie möchte etwas in ihrem Leben ändern, ist aber plan- und ziellos. Zufällig lernt sie im Zug die deutlich ältere Isländerin Jónina kennen, eine schicksalhafte Begegnung für beide Frauen. Marie lebt fortan bei der 75-Jährigen , die im winzigen Ort Redu in den Ardennen von Belgien einen Buchladen führt. Hier leben nur 390 Bewohner, es gibt so gut wie kein Internet, dafür aber überproportional viele Buchläden und Antiquariate. Die Uhren „ticken“ im wahrsten Sinne des Wortes anders hier - es geht nicht darum, möglichst viele Dinge in kürzester Zeit zu erledigen, sondern diese mit Leidenschaft und Muße zu tun. Entschleunigung ist hier das Maß aller Dinge, das will gelernt sein und ist eine völlig neue Erfahrung für Marie. Das Buch lässt fortan teilnehmen an der persönlichen Entwicklung der jungen Französin, di e sich immer besser in die Dorfgemeinschaft einfindet und auch einbringt. Durch ihren persönlichen Einsatz und ihr empathisches Wesen hilft sie dabei auch anderen Menschen in Redu, eigene Ängste zu überwinden und Probleme zu lösen. Selbst das Herz der verbitterten Witwe Mathilde gewinnt sie und deckt zudem noch Geheimnisse auf. Mich hat das Buch berührt und emotional erreicht. Es hat noch lange in mir gearbeitet. Das Buch war flüssig zu lesen und ich konnte mich selten von ihm trennen. Es gab nur eine Handvoll Figuren, doch jede von ihnen so greifbar beschrieben, dass ich mich jederzeit gut in deren Gefühls- und Gedankenwelt hineinversetzen konnte. Selbst Gemeinschaftshündin Anneliese hatte mein Herz im Sturm erobert! Wer Bücher der leisen Töne mit Tiefgang mag, wird „Mathilde und Marie“ lieben und hier reichlich Stoff zum Nachdenken finden, es steckt voller Lebensweisheiten, die der Autor mittels Zitaten oder versteckter Buchempfehlungen immer wieder einstreut. Wer ausgeschmückte und detaillreiche Beschreibungen von Naturimpressionen mag, kommt hier vollends auf seine Kosten. Mehr als umfänglich werden die Jahreszeiten, Wälder und Flüsse, Geräusche, Düfte, Lichtspiele sowie die Tierwelt beschrieben. Zugegebenermaßen war ich nicht immer empfänglich für diese ausschweifenden Beschreibungen, an manchen Stellen nahmen sie mir zuviel Raum ein, das war allerdings das Einzige, was mich zeitweise etwas gestört hat. Insgesamt habe ich dieses Buch jedoch mehr als genossen und mir für mein eigenes Leben das ein oder andere herausgezogen. Es ist eine liebevolle Empfehlung des Autors, sein Leben so zu gestalten, dass man glücklich ist. Er zeigt auf, wie wichtig es ist, sich selbst in entscheidenden Momenten zu hinterfragen, wohin die eigene Lebensreise führen soll, denn unser Leben ist nun einmal begrenzt. Manchmal muss man dann auch seinen Impulsen folgen, und vielleicht sogar einen völligen Neustart wagen. Dass es dabei hilfreich ist, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben, mit denen man sowohl schweigen als auch tiefgründige Gespräche führen kann, zeigt das Buch anhand der kleinen Dorfgemeinschaft auf. Für alle, die feinsinnige, warmherzige Literatur lieben, und die leisen den lauten Tönen bevorzugen, kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Ich jedenfalls konnte beim Lesen herrlich entschleunigen.