Märchenhafter Lebensratgeber

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REZENSION – „Eine Rückbesinnung auf das, was im Leben wirklich zählt.“ Mit diesen Worten bewirbt der dtv Verlag den im Januar veröffentlichten Debütroman von Torsten Woywod (45). „Mathilde und Marie“ ist gewiss keiner der typischen zeitgenössischen Romane, die sich mit der harten Wirklichkeit kritisch auseinandersetzen, sondern – fern unseres realen Alltags – eine warmherzige Liebeserklärung an die Menschen, an die Kraft einer Gemeinschaft, an die lebenspendende Vielfalt der Natur, in der wir Menschen teilhaben, und an das Leben insgesamt. „Wenn sich ein jeder von uns vor Augen führte, wie wichtig Empathie im täglichen Miteinander ist, könnte ein Wandel, wie er in diesem Roman beschrieben wird, überall zustande kommen“, hofft der Autor in seinem Nachwort.
Die junge Studentin Marie entflieht nach einem Schicksalsschlag überstürzt und ziellos der lebensfeindlichen großstädtischen Pariser Hektik und landet unversehens mitten in den belgischen Ardennen im kleinen Bücherdorf Redu. Hier gibt es nur einen Fernseher, keinen Handy-Empfang, und das Internet ist nur eine Stunde am Abend verfügbar, damit die Buchhändler ihre Bestellungen aufgeben können. Dass die Uhren des schiefen Kirchturms unterschiedliche Zeiten anzeigen, stört die 390 Einwohner nicht. Zeit ist relativ: „Bei uns geht es nicht darum, möglichst viele Dinge in immer kürzerer Zeit zu erledigen, sondern sich den Dingen mit vollständiger Hingabe und Aufmerksamkeit zuzuwenden.“
Die lebenserfahrene 75-jährige Buchhändlerin Jónína lässt Marie bei sich im Gartenhaus wohnen und in ihrem Buchladen aushelfen. In dieser Ruhe und Idylle erholt sich die Studentin schnell und wird schon bald in den Kreis der Dorfgemeinschaft aufgenommen, in die sie sich auch persönlich einbringt. Marie lernt hier nicht nur eine ihr bisher fremde Seite des Lebens und beginnt, über sich selbst nachzudenken. „Wie schnell kann unser Leben zu Ende sein? … Mir wurde bewusst, dass wir die uns verbleibende Zeit nicht mit Dingen vergeuden sollten, die uns keine Freude bereiten.“ Ihr gelingt es dank ihrer Offenheit und Freundlichkeit sogar, die nach 40-jähriger Ehe kürzlich verwitwete Mathilde aus ihrer Verbitterung und selbstgewählter Isolation zu befreien und neuen Lebensmut zu geben. „Offensichtlich schenkte das Leben einem manchmal genau dann einen neuen Anfang, wenn man glaubte, alles verloren zu haben.“
Liest man Woywods Debüt „Mathilde und Marie“, muss man wissen, worauf man sich einlässt: Wer einen spannenden und realistischen Roman mit aktionsreicher Handlung erwartet, wird enttäuscht. Schon die dörfliche Kulisse ist märchenhaft wirklichkeitsfremd, obwohl es das belgische Bücherdorf Redu tatsächlich gibt. „Bitte seien Sie also nicht überrascht, wenn dieser schöne Ort bei Ihrem Besuch nicht genau so aussieht, wie er in diesem Roman beschrieben wird“, warnt der Autor im Nachwort. Sicher wird es im realen Redu nicht wie im Buch nur liebenswerte Menschen geben. Man fragt sich auch, wovon die junge Marie während ihres monatelangen Aufenthalts ihren Unterhalt bezahlt.
Aber lässt man „Mathilde und Marie“ in der vom Autor gewünschten Weise auf sich wirken, sind all diese Fragen unwichtig, da sie nicht den Kern seiner Geschichte ausmachen. Schon der Begriff „Roman“ ist hier eigentlich irreführend. Es ist eher ein Ratgeber in Form eines modernen Märchens mit der warmherzigen Anregung an seine Leser, in den ruhigen Stunden des Lesens über sich selbst nachzudenken und die bisherige Lebensführung zu hinterfragen. „Denn letztlich ging es doch genau darum im Leben: Das Beste aus dem zu machen, was uns mitgegeben wurde. Und auf diese Weise das zu finden, was uns glücklich macht.“
Doch auch wenn man diese Geschichte so akzeptiert, wie sie vom Autor gemeint ist, dürfen ein paar kritische Anmerkungen zum Debüt aber nicht fehlen: Woywod hätte seine über 300-seitige Erzählung um hundert Seiten kürzen müssen. Manches zieht sich doch arg in die Länge und lädt zum Querlesen ein. Auch wirken die Dialoge oft gestelzt und unwirklich. Sie gleichen in Formulierung und Satzbau eher einer Fortsetzung des erzählenden Fließtextes, nicht aber einer lebendigen Unterhaltung.
Die Wahl des Bücherdorfes Redu als Handlungsort für seine Geschichte ist bei Torsten Woywod verständlich. Denn für den früheren Buchhändler und heutigen Marketingleiter eines Verlags ist auch die Liebe zur lebensbereichernden Literatur ein geeignetes Mittel zur persönlichen Glücksfindung: „Zu den unzähligen Vorzügen der Literatur zählt zweifellos die Tatsache, das sie unterschiedliche Lesarten ermöglicht. Je nachdem, was man selbst schon erlebt hat, finden Texte gegebenenfalls auch einen Resonanzboden auf der ganz persönlichen Ebene.“ So mag sein Romandebüt „Mathilde und Marie“ – je nach Lesart, persönlicher Erwartung und individueller Empathie-Bereitschaft – vielleicht allzu kritischen Lesern nur mäßig gefallen, andere aber zweifellos begeistern.