Weniger ist mehr
Torsten Woywod schreibt ein Traktat der Achtsamkeit, gefüllt mit Phrasen an Lebensweisheiten, die sowohl allgemeingültig, aber ebenso banal und lebensfremd sind. Aber zurück zur Geschichte. Da treffen zwei Frauen sich im Zug, die eine etwas geschleudert nach dem Tod ihrer geliebten Tante und auf der Flucht aus Paris und die andere nach ärztlicher Konsultation zurück in ihr Dorf. Ohne langen Vorlauf springt die eine distanzlos in den Seelenschmerz der anderen und sie begeben sich beide in das Bücherdorf Redu in den Ardennen. Und ein ungetrübtes Idyll wird beschrieben. Die Bewohner dort sind uneingeschränkte 'Gutmenschen', stets hilfreich, einfühlsam und zugewandt, da gibt es keine Missgunst oder Eifersucht oder Vorteilsnahme - alle sind integer, freundlich und sorgsam mit sich, den anderen und der Natur. Überhaupt - die Natur - hier ein Ort unberührter Vollkommenheit. Es duften die Blumen und die Erde (kein Güllegeruch), die Ruhe ist perfekt (kein Müllauto oder durchfahrende LKWs), der Hund streift nicht angeleint durch die Wälder ohne ein Rehkitz zu reißen, die Marmelade und der Tee werden selbst gemacht und zur Krönung wird auch noch das Papier handgeschöpft. Mir wurde bei so viel heiler Welt mein Denken mit rosa Zuckerguss verkleistert und nur mit Mühe habe ich dieses Buch zu Ende gelesen. Sicher sind die belehrenden Botschaften gut gemeint und auch das Loblied auf Bücher ein echtes Anliegen von Torsten Woywod, aber weniger davon wären mehr gewesen. Wenn rundherum die Welt aus den Fugen gerät, mag ein kleines Wolkenkuckucksheim ein tröstlicher Fluchtort sein, aber mir hat das Rosarot die Sicht verstellt. Leider keine Leseempfehlung.