Wohlfühllektüre für Büchermenschen mit einem Herz für die Natur

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la calavera catrina Avatar

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Ein kleines Bücherdorf mit einem ganz anderen Zeitgefühl, traditionellen Herstellungswerten, überdurchschnittlichen vielen Buchhandlungen und einer Gemeinschaftslabradordame. Ein ungewöhnlicher Ort in der modernen Welt, an dem man „einen Gegenpol zur allgemeinen Rastlosigkeit“ findet. Keine bloße Wunschvorstellung, sondern ein zauberhafter Ort, den es (beinahe) tatsächlich gibt.

Ich war anfangs irritiert und es ging mir wie der ahnungslosen Marie, die sich als Großstädterin auf dem Land wiederfindet, plötzlich weit weg von Lärm und Tourismus, in einem Dorf, das völlig aus der Zeit fällt und so unwirklich scheint. Ein bisschen zu drüber, auch was die Dialoge angeht aber dann erlag ich dem Charme.
Auf ihrer unvorbereiteten Flucht aus Paris trifft Marie die intuitive Jónína, die einen Buchladen führt und den kurzsilbigen Bäcker Thomas aus dem französischem Dörfchen Redu. Aus dieser Begegnung ergeben sich Gespräche, die Marie dazu verleiten, bei Jónína im Gästehaus unterzukommen. Dort entdeckt sie die Natur für sich, das Lesen und auch ich war eingenommen von der Herzlichkeit der Bewohner und der utopischen Abgeschiedenheit und Ruhe dieser Idylle.
Spätestens beim zweiten Teil war ich hingerissen, wie Marie und die mürrische Mathilde sich kennenlernen und was daraus entsteht. Das bringt auch eine angenehme Spannung mit sich, denn das Geheimnis um Mathilde muss Marie erst lösen. Dadurch angekommen im Schreibstil las es sich immer besser. Diese unaufgeregte Geschichte wird mit viel Wärme und Herz erzählt und es passiert zumindest soviel bei der Figuren-Entwicklung, um gern weiterzulesen. Ich mochte Jónínas Klarheit, Offenheit und ihr aufrichtiges Interesse an Marie, deren aufblühende Sinneswahrnehmungen in der Natur ein lebendiges und achtsames Kopfkino erzeugen. Es sind einige integrierte Lebensweisheiten, die weitergegeben werden, ob die Kunst des Wartens oder die Fähigkeit, „den Dingen erst einmal Raum zu geben, sie zu reflektieren und zu verstehen, bevor man in den Austausch geht.“ Generell sind viele Dialoge von Wahrhaftigkeit, Toleranz und sanfter Aufmerksamkeit geprägt. Wenn man sich erstmal darauf eingelassen hat, versprüht es seinen Charme.
Wenn man das mag und selbst gern in einem Bücherdorf Entschleunigung finden würde, während man mit allen Sinnen die Natur entdeckt, dann ist der Roman genau die Einladung, die man gerade braucht. Jedenfalls hat der Verlag nicht zu viel versprochen, denn es ist eine berührende Hommage an einen besonderen Ort der Bücher und ein „mehr an Miteinander“. Dazu passen auch die schönen Abschlussworte des Autors. Alles zusammen hinterließ bei mir ein warmes Gefühl und ruhevolle Lesefreude.