Groß in Thema & Anspruch, kleiner im Gefühl

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Medea von Rosie Hewlett (übersetzt von Simone Jakob) ist im HarperCollins Hardcover Verlag erschienen und erzählt die Geschichte einer der umstrittensten Figuren der griechischen Mythologie neu. Hewlett folgt Medea von ihrer Kindheit in Kolchis bis zu jenen Entscheidungen, die sie in die Sagenwelt eingeschrieben haben – als Hexe, als Frau, als Schurkin, aber vor allem als wütendes Opfer.

Was mich von Beginn an beeindruckt hat, ist Hewletts kompromisslos weiblicher Blick. Medea ist hier keine Mystifikationsfigur, sondern ein Mädchen, das Gewalt, Isolation und patriarchale Macht schon früh am eigenen Körper erfährt. Gleich zu Beginn heißt es über ihren Bruder:
„Niemand sonst erkannte, wie gerecht ich handelte, denn für alle anderen hatte Apsyrtos’ Verhalten nichts Tadelnswertes. Er benahm sich nur »wie ein Junge«, was wohl bedeutete, dass Grausamkeit in seiner Natur lag. Aber diese Rechtfertigung ergab für mich keinen Sinn.‘“ (S. 10). Dieser Satz sagt eigentlich alles über die Welt, in der sie lebt.

Die Darstellung der männlichen Figuren ist bewusst schonungslos und ja, zu Recht wie ich finde. Die Manipulation der Männer, die Gewalt der Väter, das Abwerten weiblicher Stärke: „Ist es nicht verblüffend, wie es den Männern gelungen ist, allen vorzugaukeln, sie seien das klügere Geschlecht?“ (S. 148). Hewlett zeichnet das alles klar, ohne zu vereinfachen.

Richtig spannend wurde es für mich vor allem ab der Stelle, als Medea endlich versucht, ihre eigene Ohnmacht in Handlung zu verwandeln und ihr Schweigen bricht. Die Autorin zeigt, wie aus erlebtem Schmerz Widerstand werden kann, um doch noch Gerechtigkeit zu erlangen: „Die Welt hat versucht, mich zum Opfer zu machen, und so wurde ich zur Schurkin.“ (S. 349)

Und trotzdem: So sehr mich Inhalt, Themen und Figiren überzeugt haben, hat mich die Erzählung emotional nicht vollständig gepackt. Etwas hat mir gefehlt. Was genau? Vielleicht die mythologische Komponente, die glaub einfach nicht so meins ist. Aber auch der Schreibstil hätte noch nahbarer sein können wenns nach mir ginge.

Fazit

"Medea" ist ein kraftvolles, wütendes, feministisches Retelling, das mich gedanklich enorm beschäftigt, emotional aber nicht zu 100 % erreicht hat. Ich empfehle es allen, die griechische Mythologie, starke weibliche Perspektiven, morally grey heroines und feministische Neu- udn Umdeutungen lieben. Wer jedoch eine ganz intime emotionale Bindung erwartet, könnte hier eventuell enttäuscht werden. Danke an der Stelle auch an netgalley.de (E-Book) und Vorablesen für die Rezensionsexemplare.