spannend

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Das Cover von Medea ist eindrucksvoll und atmosphärisch gestaltet. Die meist dunklen, erdigen Farbtöne wirken geheimnisvoll und passen sehr gut zur düsteren, tragischen Stimmung des Stoffes. Medea wird nicht als Opfer oder Monster gezeigt, sondern als starke, komplexe Frau – genau das, was auch der Inhalt des Romans vermittelt.

Rosie Hewlett greift den bekannten antiken Mythos um Medea auf, erzählt ihn jedoch aus einer modernen, feministischen Perspektive. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Verrat, Liebe und Rache, sondern auch Macht, Fremdsein, weibliche Selbstbestimmung und gesellschaftliche Ausgrenzung. Besonders gelungen ist, dass Medea nicht eindimensional als grausame Kindsmörderin dargestellt wird, sondern als vielschichtige Figur, deren Handlungen aus emotionalem Schmerz, Verlust und systematischer Benachteiligung heraus verständlich gemacht werden. Die Geschichte bleibt nah an der mythologischen Vorlage, erlaubt sich aber genug Freiheiten, um neue Akzente zu setzen.

Der Schreibstil ist ruhig. Hewlett nimmt sich Zeit für innere Monologe und emotionale Entwicklungen, was dem Roman Tiefe verleiht. Die Sprache ist bildhaft, ohne überladen zu wirken. Für Leser*innen, die actionreiche Handlung erwarten, kann das Tempo stellenweise langsam wirken, doch genau diese Langsamkeit passt zur psychologischen Ausrichtung des Romans.

Die Figuren sind insgesamt sehr glaubwürdig gestaltet. Medea ist komplex, widersprüchlich und emotional greifbar. Ihre Entwicklung von einer hoffnungsvollen, liebenden Frau hin zu einer verzweifelten und wütenden Figur ist nachvollziehbar dargestellt. Auch Nebenfiguren wie Jason wirken bewusst ambivalent: charmant, aber egoistisch und machtgetrieben. Diese realistische Zeichnung menschlicher Schwächen macht die Figuren authentisch und modern, obwohl sie in einem antiken Setting angesiedelt sind.

Der Roman ist jedoch stellenweise sehr introspektiv und bietet wenig äußere Handlung. Manche Passagen hätten gestrafft werden können, um das Tempo zu erhöhen. Dennoch ist diese Erzählweise bewusst gewählt und unterstützt die emotionale Intensität der Geschichte.