Ein Bild, viele Leben

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azyria_sun Avatar

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Worum geht’s?
Güstrow 1945: Marlen ist 14 Jahre, als die Russen den kleinen Ort einnehmen. Wilma rettet und adoptiert das Mädchen, das bald mehr als ihre rechte Hand wird.
Berlin 2023: Hannahs beste Freundin Rubi zieht aus und hinterlässt eine spürbare Lücke. Und dann steht plötzlich Hannahs Vater vor ihr. Ein Mann, den sie nie kennengelernt hat. Die Frage, die bleibt: Geht es ihm wirklich um sie – oder nur um sich selbst?

Meine Meinung:
Mit „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ kehren wir zurück zu dem Bild der Frau im blauen Kleid am Fenster. Auch diesmal nimmt uns Alena Schröder mit auf eine leise, eindringliche Reise durch das Leben von Frauen, Müttern und Töchtern. Die Erzählung springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Jahren 1945 bis in die 1960er und dem heutigen Berlin. Der vertraute Schreibstil hat mich sofort wieder abgeholt – ruhig, klar, emotional, ohne je laut zu werden.

Besonders nah war mir Hannah, die wir in der Gegenwart begleiten. Sie ist eine Figur, die man sofort versteht. Ihre Unsicherheiten, ihre Wut, ihre Sehnsucht nach Klarheit. Ich hätte ihr problemlos noch viele weitere Seiten gewidmet, auch über das Ende hinaus. In der Vergangenheit begleiten wir Marlen und Wilma, später auch Burgel – eine eigenwillige, etwas seltsame Figur, die mir gerade deshalb im Gedächtnis geblieben ist.

Beide Zeitebenen haben für mich funktioniert. In der Gegenwart überzeugt vor allem die Begegnung mit dem unbekannten Vater. Die Gefühle, die Hannah dabei durchlebt, sind fein beobachtet und absolut glaubwürdig. Man spürt ihr inneres Chaos, ihre Hoffnung und ihr Misstrauen gleichzeitig. In der Vergangenheit hätte ich mir stellenweise noch mehr Tiefe für Marlen gewünscht. Ihr Leben, ihre Entscheidungen und ihre Bindungen – vor allem zu Wilma, Burgel und Theo – tragen viel Stoff in sich, der gerne noch etwas mehr Raum hätte bekommen dürfen.

Besonders stark fand ich die Einblicke ins ostdeutsche Nachkriegsleben. Dieser Blick auf die Jahre nach 1945 ist selten in Romanen und war für mich einer der spannendsten Aspekte des Buches. Etwas irritiert hat mich hingegen, dass sich Vergangenheit und Gegenwart kaum berühren. Abgesehen von der kurzen Begegnung zwischen Evelyn und Marlen bleiben die beiden Ebenen weitgehend nebeneinander stehen. Auch Hannahs Suche nach dem Bild in Güstrow war eher verwirrend, da es m.E. gar keine Verbindung zwischen ihr und dem Bild gibt, obwohl dieses Bild eigentlich die stärkste Brücke zu den vorherigen Bänden der Reihe darstellt.

Und trotzdem: Dieses Buch hat mich wieder vollkommen in seinen Bann gezogen. Die Art, wie Alena Schröder Beziehungen, innere Konflikte und die feinen Verbindungen zwischen Menschen beschreibt, ist schlicht beeindruckend. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und hätte mir am Ende nichts sehnlicher gewünscht, als noch ein paar Kapitel mehr – vor allem mit Hannah und Malik.
Fazit:
„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ von Alena Schröder erzählt erneut eindringlich von Frauen, Müttern und Töchtern und wechselt zwischen der ostdeutschen Nachkriegszeit und der Gegenwart. Besonders die Gegenwartsebene mit Hannah hat mich überzeugt – ihre Gefühle rund um den plötzlich auftauchenden Vater sind authentisch und nachvollziehbar beschrieben. Auch die Vergangenheit mit Marlen, Wilma und Burgel ist atmosphärisch und spannend, hätte stellenweise aber noch mehr Tiefe vertragen dürfen. Die Verbindung zwischen den Zeitebenen bleibt eher lose, dennoch fesselt der Roman durch seine Figuren und den ruhigen, einnehmenden Schreibstil bis zur letzten Seite.

4 Sterne von mir.