Kraft der Malerei

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bookworld91 Avatar

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Was hat es mit einen alten Gemälde auf sich, dass seit Generationen in der Familie ist? Und welche Rolle spielt das DDR Regime in der Familie? Das alles ist Thema in „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel.“

Marlen ist noch ein junges Mädchen, als sie sich 1945 in einer Schublade vor russischen Soldaten versteckt. Ihre Retterin Wilma nimmt sich ihrer an und es gelingt Marlen, ihre Fähigkeit zum malen und zeichnen zu entwickeln. Dabei entsteht ein besonderes Gemälde…

Hannah lebt 2023 in Berlin und fühlt sich mit Veränderungen konfrontiert. Ihre schwangere beste Freundin zieht aus, ihre Kollegin nutzt sie für ihre Bedürfnisse aus und ihr Vater, zu dem nie Kontakt bestand, tritt in ihr Leben. Und dann findet sie ein Gemälde im Nachlass ihrer Großmutter….

Ich habe bereits „Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von der Autorin gelesen, wo ebenfalls ein Familiengeheimnis offengelegt wurde. Hier erkenne ich ein ähnliches Muster: Marlen und Wilma haben einiges an Familiengeschichte, die mit den Bild verknüpft ist. Es drückt Unterdrückung, Machtgefüge und Gefangen sein aus. Das alles passt zur Besatzung, mit der ich durch Marlens Erinnerung direkt konfrontiert werde, aber auch zu der Unterwürfigkeit der Frauen in einer von Männer dominierten Gesellschaft. Marlen zum Beispiel konnte kein selbstbestimmtes Leben führen und nutzt das Kunstwerk zur Kommunikation, was ich sehr spannend finde.
Zu der Kommunikation durch das Gemälde passt Alena Schröders Schreibstil. Sie schreibt alltagsnah, zugleich bildhaft und beschreibend. Ich bekomme durch Sprache und Schreibstil einen sehr authentischen Eindruck der einzelnen Situationen und kann das Buch gut lesen.

Allerdings gibt es ein paar Faktoren, die das Lesevergnügen stören. So beschäftigt sich Hannah wenig mit dem Gemälde. Mir scheint, als würde es in der Gegenwart untergehen, was der Kraft des Bildes widerspricht. Generell scheint Hannah sich kommunikativ schwer zu tun. Sie sagt nicht nein zu den Bitten ihrer Kollegin und setzt ihren Vater erst sehr spät eine Grenze. Das ist sehr schade und passt nicht zu Marlens Kampf um etwas Selbstbestimmung.
Insgesamt kann ich den Roman jeden empfehlen, der einen Familienroman mit leichten Schwächen sucht. Vier Sterne von mir.