Zwischen Leinwand und Erinnerung
Mit „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ schließt Alena Schröder ihre Trilogie ab – leise, konzentriert und mit dem Blick für die kleinen Verschiebungen, aus denen sich ganze Lebensläufe zusammensetzen. Wie schon in den beiden vorherigen Romanen verbindet sie Gegenwart und Vergangenheit, ohne große Effekte, dafür mit viel Gespür für Atmosphäre und Figuren.
Der Roman erzählt auf zwei Ebenen. Im Mai 1945 lesen wir von der vierzehnjährigen Marlen, die in Güstrow auf sich allein gestellt ist und Zuflucht bei der Malerin Wilma findet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine vorsichtige Nähe, geprägt von Abhängigkeit, Schutz und Distanz. Die Malerei spielt dabei eine zentrale Rolle als etwas sehr Persönliches, das Wilmas Leben strukturiert und Marlen einen neuen Zugang zur Welt eröffnet.
In der Gegenwart begleitet der Roman Hannah Borowski, die wirbereits aus den vorherigen Büchern kennen. Hannah lebt in Berlin und steht an einem Punkt, an dem sich Alltägliches und Grundsätzliches überlagern: Veränderungen im Freundeskreis, ein Vater, der wieder Kontakt sucht, und die Frage nach einem Gemälde, das einst ihrer Großmutter gehörte. Diese Suche führt sie nicht zu klaren Antworten, sondern zu einem genaueren Hinsehen – auf ihre Familie und auf sich selbst.
Besonders überzeugend ist, wie selbstverständlich Alena Schröder die beiden Zeitebenen miteinander verbindet. Das Gemälde dient als ruhiger Bezugspunkt, der die Geschichten zusammenhält, ohne sie zu erklären oder zu kommentieren. Vieles bleibt angedeutet, wird in Gesten, Blicken und kurzen Dialogen erzählt. Genau darin liegt die Stärke des Romans: Er vertraut darauf, dass Leser*innen Zwischenräume wahrnehmen.
Auch im Vergleich zu den anderen beiden Büchern der Trilogie fügt sich dieser Band stimmig ein. Historische Erzählstränge gehören von Anfang an zu Schröders Schreiben, und hier wirken sie besonders konzentriert. Hannahs Geschichte gewinnt an Tiefe, weil sie eingebettet ist in ein größeres zeitliches Gefüge, ohne dass daraus ein geschlossenes Gesamtbild entstehen müsste.
Sprachlich bleibt Schröder klar und präzise, mit einer ruhigen, manchmal beinahe tastenden Erzählweise. Die Figuren wirken glaubwürdig, nie überzeichnet, und gerade die Beziehungen zwischen ihnen entfalten ihre Wirkung langsam und nachhaltig.
„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ist ein stiller, sorgfältig erzählter Roman, der vom Nebeneinander verschiedener Zeiten und Lebensentwürfe lebt. Als Abschluss der Trilogie überzeugt er mich durch seine Zurückhaltung und seine Genauigkeit – und zeigt noch einmal sehr deutlich, worin Alena Schröders besondere Stärke liegt.