Atmosphärisch

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savira Avatar

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Der Geisterroman "Mein zärtlicher Schatten" der niederländischen Autorin Johanna van Veen trägt seine Inspirationen offen zur Schau.
Einerseits wäre da "The Turning of the Screw" von Henry James, der durch Zitate und Namensgebung eines Charakters mehrfachen Einzug in die Erzählung findet. An Shirley Jacksons Klassiker "The Haunting of Hill House" habe ich immer dann gedacht, wenn nicht klar war, ob der Spuk der Psyche oder der Realität entspringt; außerdem haben einige der Beschreibungen des Hauses, wie die farbigen Tapeten in den jeweiligen Zimmern und die spezifischen Ornate auf den Möbelstücken mich stark an Hill House erinnert.
Zu guter Letzt eine Umkehr von  Emily Brontës  "Wuthering Heights", weil hier eine vermeintliche Liebe nicht durch das Fenster gelangen soll, im Gegensatz dazu, dass das Fenster für Heathcliff und Cathy Erlösung bedeutet hat.

Dies sind keine Schwächen - literarische Einflüsse sind das Fundament, auf dem ein Autor sein eigenes Werk aufbauen und verfeinern kann. Von einem Architekten oder einem Maschinenbauer erwartet auch niemand, alles an nötigem Vorwissen zu vergessen und komplett neue Strukturen und Maschinen zu erschaffen.

"Mein zärtlicher Schatten" liest sich zügig, ist atmosphärisch geschrieben, hat den einen oder anderen Plot-Twist auf Lager und ist von Sehnsucht und Erotik durchsetzt. Dies hat leider nicht immer meinen persönlichen Geschmack getroffen und hat von der von mir präferierten Thematik des Horrors abgelenkt. Ehrlicherweise kann man aber auch dies dem Roman nicht zum Vorwurf machen, da ich im Endeffekt genau das in ihm gelesen habe, was ich mir von vornherein davon erwartet habe. Pure Geistergeschichten ohne Erotik, wie Laura Purcells "Silent Companions" mag ich persönlich lieber, aber das ist Geschmackssache.

Hier hat man insgesamt mal wieder einen Roman der meiner Meinung nach fast ausgestorbenen Gattung der Schauerromane; wie oft habe ich den letzten Jahren vermeintliche Geistergeschichten gelesen, deren Auflösung so weltlich und profan wie nur möglich war. Dieses Buch gibt dem Leser keine endgültige Bestätigung, dass die Geister "echt" sind, aber es verleugnet sie auch nicht und dank der Spannung und der durchwegs gelungenen Atmosphäre kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der endlich wieder einen neuen Roman mit Geisterhaus lesen will!