Schonungsloses Mutterbild

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Ein erschütterndes Bild ihrer Familie wird von der Autorin Bettina Flitner gezeichnet und tut sich vor dem Leser auf. Dass sie als Tochter der verstorbenen Gisela Elfriede Helene Annemarie, kurz Gila genannt, und damit allernächste Verwandte bei der Beerdigung wenig bis nichts an Trauer empfindet, kommt nicht selten vor. Der Schmerz und die Traurigkeit warten auch bei anderen Menschen häufig bis später. Dass die Verstorbene aber gleich lapidarisch vom Großvater abgewertet wird, ist grausam, auch den Hinterbliebenen gegenüber.
Beim Lesen tut sich eine für mich ungewohnte Welt auf, denn da zieht sich die Dynastie einer Arztfamilie hin, die ja sogar eine Sanatoriumsbesitzerfamilie ist, gespickt mit Tragödien. Gleich mehrere Selbstmorde im nahen Umfeld sind keine Kleinigkeit für die Verwandtschaft. Und dann mischen klarerweise auch noch die beiden großen Kriege mit. Schonungslos wird vieles in der Vergangenheit hinterfragt und hat wohl in der näheren Umgebung viel Unmut verursacht.
Erzählt ist diese Geschichte in einem recht lebendigen Stil, voller Farbe und Drive, durchsetzt von Spannung. Die Figuren sind deutlich und lebhaft gezeichnet, besonders die Damen. Schritt für Schritt geht es dem Ende zu, und man möchte am liebsten eingreifen, damit die Geschichte nicht so furchtbar endet. Es tut zeitweise richtig weh, den Weg lesend mitzugehen. Da kann wohl niemand unberührt bleiben. Ich musste öfters eine andere Lektüre vornehmen, um mich nicht in die Tiefe ziehen zu lassen.
Empfehlen möchte ich das Buch eigentlich nur starken Persönlichkeiten. Denn in vielen Familien kommen ähnliche Dinge vor, deshalb gehen einem die Schicksale rasch näher, als man möchte. Man muss einen emotionalen Abstand einhalten.