Die Suche nach Zugehörigkeit
Ellens Rückkehr aus der Stadt auf den Hof ihrer Kindheit fühlt sich nicht wie Heimkommen an, sondern wie eine Flucht. Eine Flucht zurück an den Ort, von dem sie einst fort musste. Getrieben von einem unsichtbaren Sog und durchzogen durchzogen von Flashbacks, zieht es sie zurück aufs Land.
Schon als Kind war da das Gefühl, nicht genug zu sein. Nicht hart genug, nicht passend genug für dieses Leben. Die Beschreibungen der Kühe, ihrer Körper, ihrer Ausscheidungen sind unerbittlich detailliert. Konsistenz, Geruch, Farbe. Nichts davon ist vergessen. Alles hat sich unauslöschlich in Ellens Körper eingeschrieben.
„Der Blick einer Kuh kennt kein Erbarmen.“ (S. 10)
Die Kuh steht für das Vertraute, für Herkunft und Wiederholung. Und doch merkt Ellen vor Ort, dass ihr Wissen brüchig geworden ist. Sie erkennt nicht mehr alles. Vergisst man seine Wurzeln? Muss man zu ihnen zurück? Ellen muss es.
Das Haus ihrer Kindheit liegt still vor ihr. Der Schlüssel liegt noch immer unter dem Blumentopf neben der Tür. Laut Kalender sind die neuen Besitzer im Urlaub. Aus dem, was sich zunächst falsch anfühlt und nur eine Nacht dauern soll, werden viele Tage. Nach dem dritten Tag taucht Max auf, der ehemalige Nachbarsjunge, der geblieben ist, während sie gegangen ist.
Ellen ist Anfang dreißig. Mit sechzehn ist sie fort. Die Zeit dazwischen liegt wie eine offene Lücke, die sich nicht schließen lässt.
In Rückblenden erscheint Diana, von der Ellen sich gerade getrennt hat. Heterosexualität stuft sie nicht natürlicher ein als die künstliche Besamung der Kühe mit Stiersperma aus dem Zuchtkatalog. Beziehungen und Landwirtschaft folgen ähnlichen Gesetzen. Arbeit, Hingabe, Ausbeutung.
„Nein, niemand hat behauptet, dem Acker bereite es keine Schmerzen, im Frühling gepflügt zu werden. Aufgerissen und besät. Furchen, nackt unter dem Himmel, schimmernd, wimmernd. Wasser, das sich in Pfützen sammelt. Begehren hat eine garstige Schwester namens Bedürfnis.“ (S. 74)
Der Roman erzählt auch vom ländlichen Strukturwandel, vom Verschwinden der Kleinbauern und von fehlender staatlicher Unterstützung. Als Ellens Vater krank wird, beginnt der Niedergang des Hofes. Keine Hilfe, keine Absicherung. Am Ende bleibt nur Aufgabe.
„Wer am härtesten schuftet, stirbt zuerst. Belohnung gibt es nicht. Die ist nur ein Mythos.“ (S. 141)
Aber auch diese Reise endet mit einer Flucht, die eigentlichen Hausbesitzer kehren heim. Zurück bleibt das schmerzhafte Gefühl, dass die Zeit nicht gereicht hat. Dass sich die Vergangenheit nicht ordnen ließ. Dass manche Wunden nicht heilen, nur weil man an den Ort ihres Ursprungs zurückkehrt.
Der Schreibstil von Sanna Samuelsson ist radikal bildhaft und zugleich kühl und hart. Eine Sprache, die nichts beschönigt und gerade dadurch unter die Haut geht. Körperlich und schonungslos, eindringlich. Ein kluges Debüt, das man nicht einfach wieder vergisst.
Melken ist kein Roman des Ankommens. Er zeigt, dass Herkunft kein Ort ist, sondern eine Erfahrung, die man im Körper trägt. Was bleibt, ist eine unbequeme aber ehrliche Frage: Wo gehört man hin, wenn die Welt, aus der man kommt, verschwunden ist.
Schon als Kind war da das Gefühl, nicht genug zu sein. Nicht hart genug, nicht passend genug für dieses Leben. Die Beschreibungen der Kühe, ihrer Körper, ihrer Ausscheidungen sind unerbittlich detailliert. Konsistenz, Geruch, Farbe. Nichts davon ist vergessen. Alles hat sich unauslöschlich in Ellens Körper eingeschrieben.
„Der Blick einer Kuh kennt kein Erbarmen.“ (S. 10)
Die Kuh steht für das Vertraute, für Herkunft und Wiederholung. Und doch merkt Ellen vor Ort, dass ihr Wissen brüchig geworden ist. Sie erkennt nicht mehr alles. Vergisst man seine Wurzeln? Muss man zu ihnen zurück? Ellen muss es.
Das Haus ihrer Kindheit liegt still vor ihr. Der Schlüssel liegt noch immer unter dem Blumentopf neben der Tür. Laut Kalender sind die neuen Besitzer im Urlaub. Aus dem, was sich zunächst falsch anfühlt und nur eine Nacht dauern soll, werden viele Tage. Nach dem dritten Tag taucht Max auf, der ehemalige Nachbarsjunge, der geblieben ist, während sie gegangen ist.
Ellen ist Anfang dreißig. Mit sechzehn ist sie fort. Die Zeit dazwischen liegt wie eine offene Lücke, die sich nicht schließen lässt.
In Rückblenden erscheint Diana, von der Ellen sich gerade getrennt hat. Heterosexualität stuft sie nicht natürlicher ein als die künstliche Besamung der Kühe mit Stiersperma aus dem Zuchtkatalog. Beziehungen und Landwirtschaft folgen ähnlichen Gesetzen. Arbeit, Hingabe, Ausbeutung.
„Nein, niemand hat behauptet, dem Acker bereite es keine Schmerzen, im Frühling gepflügt zu werden. Aufgerissen und besät. Furchen, nackt unter dem Himmel, schimmernd, wimmernd. Wasser, das sich in Pfützen sammelt. Begehren hat eine garstige Schwester namens Bedürfnis.“ (S. 74)
Der Roman erzählt auch vom ländlichen Strukturwandel, vom Verschwinden der Kleinbauern und von fehlender staatlicher Unterstützung. Als Ellens Vater krank wird, beginnt der Niedergang des Hofes. Keine Hilfe, keine Absicherung. Am Ende bleibt nur Aufgabe.
„Wer am härtesten schuftet, stirbt zuerst. Belohnung gibt es nicht. Die ist nur ein Mythos.“ (S. 141)
Aber auch diese Reise endet mit einer Flucht, die eigentlichen Hausbesitzer kehren heim. Zurück bleibt das schmerzhafte Gefühl, dass die Zeit nicht gereicht hat. Dass sich die Vergangenheit nicht ordnen ließ. Dass manche Wunden nicht heilen, nur weil man an den Ort ihres Ursprungs zurückkehrt.
Der Schreibstil von Sanna Samuelsson ist radikal bildhaft und zugleich kühl und hart. Eine Sprache, die nichts beschönigt und gerade dadurch unter die Haut geht. Körperlich und schonungslos, eindringlich. Ein kluges Debüt, das man nicht einfach wieder vergisst.
Melken ist kein Roman des Ankommens. Er zeigt, dass Herkunft kein Ort ist, sondern eine Erfahrung, die man im Körper trägt. Was bleibt, ist eine unbequeme aber ehrliche Frage: Wo gehört man hin, wenn die Welt, aus der man kommt, verschwunden ist.