Eine ungewöhnliche Erzählung

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romy_abroad Avatar

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Ellen läuft vor der Trennung von ihrer Partnerin Diana davon und findet sich plötzlich auf dem Bauernhof wieder, auf dem sie aufgewachsen ist. Inzwischen gehört der Hof nicht mehr ihren Eltern. Er wurde verkauft, samt aller Maschinen und Milchkühe. Doch davon lässt Ellen sich nicht aufhalten: Sie findet den Ersatzschlüssel, lässt sich selbst ins Haus und schaut sich um. Entzückt stellt sie fest, dass die neuen Eigentümer verreist sind. Einiges hat sich verändert, doch viel ist ihr noch vertraut und sie schlüpft in das Leben der neuen Besitzer wie in eine abgelegte Haut. Streift sie über und probiert sie an: Sie schläft im Bett der Tochter, trägt die Kleidung der Mutter und isst die Vorräte - erst aus dem Kühlschrank, später aus dem Keller. Kurz nach ihrer Ankunft trifft sie auf Max, einen guten Bekannten aus Kindertagen. Trotz ihrer fadenscheinigen Ausflüchte erkennt Max sofort, was vor sich geht. Doch er spielt das Spiel mit und die beiden klopfen ab, was von ihrer einstigen Verbindung noch übrig ist. Doch mit jedem Tag, der vergeht, drängt Max mehr auf Ellens Abreise, denn der Urlaub der neuen Besitzer wird nicht ewig andauern...
Sanna Samuelsson erzählt von Ellens Aufenthalt auf dem Hof ihrer Kindheit, aber sie erzählt auch von Ellens Leben allgemein: aus ihrer Kindheit, aus ihrer kürzlichen Vergangenheit, aus ihrer Gegenwart. Es geht dabei um ihre Eltern, um ihre Beziehung zu Diana, um Ideen von Heimat und Zugehörigkeit, aber auch um Sexualität und Begehren, um Erwartungen und Hoffnungen. All das erscheint beinahe zufällig am Horizont, driftet vorbei und wird Teil der Geschichte, ohne erkennbaren Spannungsbogen oder eine sich wirklich entwickelnde Handlung. Es ist interessant, mehr über Diana und ihr Leben zu erfahren, gleichzeitig passiert kaum etwas, und viele ihrer Entscheidungen sind für mich nicht nachvollziehbar. Manche ihrer Gedankengänge wirken gar abstoßend auf mich (besonders der Vergleich einer Partnerin, mit der sie intim ist, mit einer Milchkuh?!), wobei dieses Gefühl sich auch in der allgemeinen Erzählung widerspiegelt. Diana beschreibt selbst, wie der anhaftende Geruch von Kuhdung sie als Kind zu einer Art Außenseiterin gemacht hat, die Art und Weise wie die Autorin schreibt löst bei mir eine ähnliche Reaktion aus.
Ein positiver Punkt: Das Covermotiv und der Titel "Melken" spielen im Roman eine durchaus relevante Rolle, immer wieder geht es um Milchkühe, Milchmaschinen, die Euter, den Betrieb des Hofes - mich hat es fasziniert in diese ganz eigene Welt einzutauchen. Teilweise fand ich diesen Teil jedoch auch zu distanzlos und unreflektiert erzählt.
Insgesamt kann ich für "Melken" nur eine durchwachsene Bewertung abgeben: Die Erzählung hat mich unterhalten, ich fand sie stellenweise kurios, aber so richtig bereichernd fand ich das Ganze leider nicht.