Keine Landidylle

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schongelesen Avatar

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Wenn man den Titel „Melken“ liest, denkt man vielleicht an einen dieser ruhigen Romane über das Leben auf dem Bauernhof; vielleicht sogar ein bisschen kitschig oder nostalgisch. Dieses Buch ist das genaue Gegenteil davon. Es ist absolut keine Landidylle, sondern eher ein Albtraum, der sich im Stall abspielt.

Die Art und Weise, wie die Protagonistin auf ihre Kindheit zurückblickt, hat mich überrascht. Da gibt es keine schönen Erinnerungen an den Sommer auf dem Land. Stattdessen wird die Vergangenheit ausschließlich über Gestank, Scham und endlose, quälende Arbeit ohne Geld definiert. Man merkt beim Lesen richtig, wie sehr sie diese Zeit geprägt hat und zwar im negativen Sinne. Es ist kein „Zurück zu den Wurzeln“, sondern eher ein „Gefangensein im Matsch“.

Die Protagonistin ist wirklich eine harte Nuss. Sie verhält sich zeitweise wie eine Psychopathin, anders kann man das gar nicht nennen. Sie bricht in das ehemalige Haus ihrer Familie ein. Anstatt sofort wieder zu verschwinden, macht sie es sich dort breit, legt sich sogar in das Bett des Kindes und vergisst über Tage fast komplett, dass das eigentlich ein fremdes Leben ist. Das war für mich der Punkt, an dem ich das Buch fast weggelegt hätte. Das ist so ein massives psychisches Ungleichgewicht, dass man als Leser gar nicht mehr weiß, ob man mit ihr mitfühlen soll oder ob man sie einfach nur noch gruselig findet.

Was mich zusätzlich echt genervt hat, waren die sexuellen Vergleiche im Buch. Ich verstehe, dass die Autorin die Roheit des Lebens auf dem Hof mit Intimität verknüpfen wollte, aber einige der Vergleiche waren einfach nur widerlich.

Die Grenze zwischen Melancholie und Wahnsinn ist in diesem Roman hauchdünn.