Berliner Nächte sind lang

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Beeindruckt vom gewaltigen Panorama, das "Menschen neben dem Leben" bietet, bin ich nach der Lektüre. Man lernt ein ganz anderes Berlin kennen, wobei manche Probleme noch stets bestehen.

Inhalt:
In "Menschen neben dem Leben" begleitet man einen Tag lang die etwas weniger Begüterten im Berlin am Ende der Weimarer Republik. Grissmann beispielsweise hat ein Auge auf die Frau des blinden Kriegsveteranen Sonnenberg geworfen und Fundholz ist ein etwas abgestumpfter alter Bettler, der sich trotz allem nicht unterkriegen lässt und selbst noch den aufgrund eines traumatischen Erlebnisses zum schwachsinnigen Idioten gewordenen Tönnchen durchfüttert.
Ein Tag, der sein Ende im "Fröhlichen Waidmann" findet.

Mich erinnert "Menschen neben dem Leben" an die Romane von Hans Fallada und von Heinrich Mann. Auch Hans Fallada stellte den "kleinen Mann" in den Mittelpunkt eines seiner Romane, war aber meines Erachtens noch geübter als Boschwitz.
Insofern merkte ich, dass es sich um ein Debütroman handelt, allerdings um einen auf sehr hohem Niveau. Die Einlassungen des allwissenden Erzählers sind hoch qualitativ, lesenswert und bereichernd. Die Figuren sind bestens herausgearbeitet. Man meint, Boschwitz beschreibe einen realen Tag in Berlin zum Ende der Weimarer Republik. Da ich historisch interessiert bin, hatte ich große Freude an der Erzählung, da sie einem zeigte, wie früher die Leute lebten.
Zudem musste ich sehr häufig bei der Lektüre lachen, wofür die häufig anzutreffende Situationskomik sorgte.
Auch ist es interessant, dass es schon damals Probleme gab, die noch stets aktuell sind.
Ein Blick in das 11. Kapitel auf Seite 75 beweist dies, wo es heißt: "Benzingestank und Auspuffgase verpesteten die Luft. Wie schön ist es, bequem in einem Auto zu sitzen. Hinten aus dem Auspuffrohr kommt der Qualm in schmutzigen Schwaden hervor. Man selbst sitzt vorne, man selbst merkt nichts davon, man selbst gibt Gas und braust davon. Nur die anderen, die Unbekannten, die Uninteressanten bekommen das Gas mit Luft vermischt in die Lungen."

Boschwitz zeichnet sich durch ein scharfes Auge aus und das macht auch diesen Roman so lesenswert. Er schafft es, die Atmosphäre und Szenerien gekonnt in Worte zu fassen und somit für den Leser wieder erlebbar zu machen. Der Schreibstil ist hervorragend, nur merkt man unterbewusst, dass es sein Debütroman ist und der Autor im Konzipieren von Prosa noch nicht so viel Erfahrung hat. Aber dies ist nur ein kleiner Nebengedanke, denn was ich von diesem Roman erwartete, wurde erfüllt.

Ein Roman, der eine vergangene Zeit nochmal erlebbar bzw. erfahrbar macht, der einem so manches über das damalige Berlin lehrt und so manchen klugen Gedanken Boschwitz' Ausdruck verleiht, wobei man ihm seine mutmaßlich pazifistische Einstellung auf Seite 258 anmerkt.
Auf keinen Fall möchte ich diesen Blick in die Vergangenheit missen.