Düster, unbequem und hochspannend

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besueandamy Avatar

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Mit Minnesota präsentiert Jo Nesbø einen Kriminalroman, der von Beginn an überrascht. Der Einstieg ist ungewöhnlich: Leser:innen werden fast dokumentarisch an den Schauplatz geführt, als würde man durch eine Kamera in die Geschichte hineingleiten. Anfangs wirkt dieser Erzähltrick irritierend, entpuppt sich aber schnell als kluges Mittel, um Nähe zu schaffen – insbesondere zur zentralen Figur Bob Oz.

Bob Oz ist alles andere als ein klassischer Sympathieträger. Er ist innerlich zerrüttet, trinkt zu viel, ist aggressiv, verliert die Kontrolle und trägt schwer an persönlichen Verlusten. Gerade diese Brüche machen ihn jedoch glaubwürdig. Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass hinter der rauen Fassade ein hart arbeitender, hochkompetenter Ermittler steckt, dessen Hartnäckigkeit Respekt abnötigt. Man muss ihn nicht mögen – aber man versteht ihn zunehmend.
Die Handlung ist intensiv und düster: Ein Heckenschütze tötet gezielt Menschen, die sich öffentlich für privaten Waffenbesitz einsetzen, und bleibt den Ermittlern stets einen Schritt voraus. Nesbø verwebt diese Jagd geschickt mit gesellschaftspolitischen Fragen rund um Waffenlobby, Moral und Schuld, ohne belehrend zu wirken. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen auf verstörende Weise und regen zum Nachdenken an.

Erzählt wird in mehreren Perspektiven und Zeitebenen. Das fordert Aufmerksamkeit und Geduld, wirkt nach kurzer Eingewöhnung aber strukturiert und durchdacht. Nicht alle Ebenen sind gleich stark oder zwingend notwendig, doch sie tragen insgesamt zur Tiefe der Figuren bei. Auch die Nebencharaktere sind prägnant gezeichnet – besonders einzelne ungewöhnliche Figuren bleiben nachhaltig im Gedächtnis.

Das Finale überzeugt schließlich auf ganzer Linie:
Mehrere Handlungsorte, parallel eskalierende Ereignisse und eine hohe erzählerische Dichte sorgen für enorme Spannung und einen runden Abschluss.

Fazit:
Minnesota ist ein harter, düsterer und komplexer Krimi mit einem zutiefst beschädigten, aber faszinierenden Ermittler. Jo Nesbø verbindet Spannung mit moralischer Ambivalenz und gesellschaftlicher Relevanz. Wer seine Bücher mag, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen – und möglicherweise länger über die Geschichte nachdenken, als ihm lieb ist.