Jo Nesbø ohne Harry Hole. Wie fühlt sich das an?

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Jo Nesbø mit einem neuen Ermittler, einem neuen Schauplatz, einem frischen Anfang. Das klingt erstmal nach genau dem, worauf ich Lust hatte.
Und tatsächlich ist der Fall selbst gut. Ein Täter, der einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führt, moralisch nicht einfach einzuordnen, gut konstruiert und mit einem gesellschaftlichen Hintergrund, der wirklich relevant ist. Das amerikanische Waffenrecht als strukturelles Element im Krimi, das funktioniert hier überraschend gut und gibt dem Buch eine Tiefe, die über das reine Ermitteln hinausgeht. Den Täter fand ich als Figur deutlich faszinierender als den Ermittler, was gleichzeitig Lob und Kritik ist.
Bob Oz ist das Problem. Er hat alles, was ein tragischer Held braucht: eine tote Tochter, eine gescheiterte Ehe, soziale Isolation. Aber all das ist mehr Hintergrundkonstellation als echter Motor der Geschichte. Ich habe seine Trauer auf jeder Seite gesehen, aber ich habe sie nie gespürt. Das ist der Unterschied zwischen einer Figur, die leidet, und einer Figur, deren Leiden mich als Leserin tatsächlich bewegt. Oz blieb mir fremd, und das hat die Lektüre über weite Strecken distanziert.
Dazu kommt, dass das Buch stellenweise zu lang ist. Es gibt Passagen, in denen sich Details häufen, die zwar atmosphärisch gemeint sind, den Spannungsbogen aber unnötig dehnen. Wer Nesbø kennt, weiß, dass er dieses Gleichgewicht mit Harry Hole meist sehr gut hinbekommt. Hier wirkt es wie ein erstes Abtasten mit einer neuen Figur, das noch nicht ganz sitzt.
Minnesota ist kein schlechtes Buch. Es ist ein solider, handwerklich kompetenter Kriminalroman mit einem interessanten gesellschaftlichen Rahmen und einem gut gebauten Fall. Wer bereit ist, Bob Oz Zeit zu geben und sich nicht zu sehr an Harry Hole erinnert, wird gut unterhalten. Wer tiefe Figurenarbeit und emotionalen Sog erwartet, könnte ähnlich wie ich etwas unbefriedigt zurückbleiben.
Empfehlung: Für Nesbø-Fans und Genre-Begeisterte, die einen kompetenten Thriller suchen und kein Problem damit haben, wenn der Ermittler (noch) nicht ganz rund ist.