Nesbø ist endlich zurück!

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Mit „Minnesota“, dem neuen Kriminalroman von Jo Nesbø, 2026 erschienen bei Ullstein, lässt der Autor den neuen Ermittler Bob Oz das Licht der Literaturwelt erblicken – und hoffentlich schenkt er ihm noch ein paar Folgeromane, denn hier wurde eine spannende Persönlichkeit erschaffen, die endlich ein Nachfolger für den noch immer vermissten Harry Hole sein könnte.

Der Roman, der seine Spannung eher im Slow Burn Bereich findet, hat zwei Ebenen, auf der Oberfläche folgen wir Holger Rudi im Jahr 2022, der als Schriftsteller versucht, die Geschichte seines Cousins zu rekonstruieren und sich deshalb auf Recherchereise in Minneapolis, Minnesota befindet und die Orte des Geschehens abgeht. Im weit größeren Anteil des Untergrunds folgen wir eben jener Geschichte im Jahr 2016, in der Bob Oz eine zentrale Rolle spielt. Die Orientierung zwischen den Jahren fällt dabei leicht, da Nesbø uns sortierende Kapitelüberschriften schenkt, so dass auch die mehrfach wechselnde Ich-Perspektive nur kurz eine Irritation darstellt. Der Erzähler ordnet sich selbst als unzuverlässig ein, hinterfragt immer wieder seine Wahrnehmung, in der er viel mit seiner Phantasie ergänzen muss, uns dadurch aber eine packende Geschichte mit einem Ende bietet, das ich zu keinem Zeitpunkt so genau habe kommen sehen.

Bob Oz ist ein Polizist, der nach einer Familientragödie den Halt unter den Füßen verloren hat und seitdem mit Rausch, Kontrollverlust und Aggressionsverhalten kämpft. Wobei der Kampf sich erst im Laufe der Geschichte entwickelt, zu Beginn lässt Bob Oz, der nicht zufällig den Spitznamen One-Night-Bob trägt, sich einfach gehen. Oz ist ein eiskalter Misanthrop, wie er im Buche steht, es braucht seine Zeit, hinter diese unsympathische Fassade zu schauen, doch dann wächst er zunehmend ans Herz. Zu Beginn des Buches wird ein Waffenhändler fast ermordet, der noch jede Menge mehr Dreck am Stecken hat – von einem Täter, der einerseits Sniper-Qualitäten ausweist, andererseits jedoch ein absichtliches Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei beginnt, das immer undurchdringlicher wird, je mehr Leichen den Weg säumen. Oz als der, der er ist, wird früh vom Fall abgezogen und suspendiert, was seine Kollegin Kay Myers in einer korrupten Männerdomäne zurücklässt und immer wieder in Loyalitätskonflikte wirft. Von Myers hätte ich gern noch mehr gelesen! Sie hätte für mich etwas mehr Raum im Buch verdient. Natürlich hält Oz sich nicht raus und stößt deshalb bei seiner Recherche auf den Taxidermisten Mike Lunde, der zunehmend sein Vertrauter und Sparringspartner im Fall wird. Die Taxidermie ist eine wundervolle zusätzliche Bildebene, die Nesbø in den Roman einzieht, der allgegenwärtige Verfall, das morbide Setting, die Fachsimpelei über Realtität und Illusion, über Erinnerung und Verlust, über Leben und Sterben, ein perfekter Spiegel des Geschehens.

Nesbø baut eine clevere Dramaturgie mit einer komplex gefüllten Spannung, die eher eine leise Atemlosigkeit erzeugt, einen das Buch aber dennoch kaum aus der Hand legen lässt. Die aktuellen Bezüge wie Pandemie, George Floyd und andere sind geschickt eingewoben und nicht überdimensional moralisch. Die amerikanische Großstadt wird durchweg spürbar, ebenso wie Gangrivalitäten, Drogenkriminalität und ein grundsätzlich bedrohtes Lebensgefühl, dass sich immer wieder mit Gemütlichkeit im Kleinbürgerlichen kontrastiert. Es sind viele verlorene Gestalten unterwegs in diesem Roman, der durch genaue Beobachtung und die Zertrümmerung von Klischees glänzt. Obama und Trump wehen ebenfalls immer wieder durch die Seiten, es ist ein gut spürbares Zeitkolorit, während der Fall sich in immer neuen und unerwarteten Wendungen aufdröselt. Und die Einsamkeit, die immer wieder auch philosophisch aufgegriffen wird, und vor der auch Mord keinen Schutz bietet.

Für mich unverzeihlich allerdings, dem Roman ausgerechnet ein Rammstein-Zitat voranzustellen. Seriously? Nach all dem, was da auf dem Tisch ist? Hier wäre von einem Autor, der ansonsten mit den aufgegriffenen Themen durchaus in einer Beschäftigung mit Diskriminierung ist, deutlich mehr Sensibilität zu erwarten. Als ob es nicht die Möglichkeit gäbe, hier andere Zitate zu finden...

Davon ab erwartet einen hier seit langer Zeit endlich mal wieder ein richtig guter Nesbø, dessen Ermittler Bob Oz ich in der Folge weitere Romane wünsche. Also ich wünsche sie mir. Denn dieser: Ist eine unbedingte Leseempfehlung.


Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und Ullstein für das Rezensionsexemplar!