Nur eine Wahrheit

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owenmeany Avatar

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Jo Nesbø lässt sich Zeit, uns in den Sachverhalt einzuführen, ein Setting aufzubauen und uns mit den Figuren vertraut zu machen, um uns etwa ab der Mitte in einem atemberaubenden Accelerando dem Finale entgegenzutreiben. Unser Interesse hält er dabei aufrecht mit rätselhaften Andeutungen, die er peu à peu auflöst.

In diesem merkwürdigen Krimi kennt man den Namen des Täters frühzeitig, der jedoch ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei veranstaltet. Dabei steht vor allem auch die Frage nach den Motiven im Vordergrund, die bei dem bekanntermaßen sozialkritischen Autor in einer ganz bestimmten Richtung zu suchen sind. Dabei konnte er beim Verfassen dieses neuen Buchs noch gar nicht die jüngsten Vorkommnisse in Minneapolis kennen, aber Bandenkriminalität, Rassismus, Waffenbesitz und die damit verbundene Unsicherheit der Bevölkerung im öffentlichen Raum sind in den gesamten USA ja schon längere Zeit ein Thema.
Soziale Codes wie "Minnesota nice" decken die unter der blank polierten Oberfläche verborgenen Abgründe auf, die Doppelmoral entlarvt er in beinahe humoristischen Szenen. Schmunzeln musste ich auch bei den massiven Fehleinschätzungen der Terrorism Task Force.

Als vielschichtigen Charakter führt er nach dem altvertrauten Harry Hole nun den vom Schicksal lädierten Bob Oz ein, den familiäre Wurzeln mit den skandinavischen Schriftsteller verbinden, genauso wie die rätselhafte Gestalt des Holger Rudi, der als einer der Ich-Erzähler Jahre nach den Vorkommnissen einreist, um diese in einem Buch zu verarbeiten. Wertvolle philosophische und psychologische Erkenntnisse liefert der als Zeuge befragte Taxidermist Mike Lunde. Die Obsession des zwischenzeitlich suspendierten Detectives erklärt sich aus einer Parallelität seines Schicksals mit dem des Verdächtigen, die sich in emotional hochgradig eindringlichen Situationen äußert.

Am Ende sehe ich Bob Oz als ein weiteres Beispiel dafür an, dass psychische Defekte nicht unbedingt die Aufklärung eines Falls behindern müssen - vielleicht trifft auch gerade das Gegenteil zu, indem Nesbø die Wahrnehmung seiner Rezipienten schärft, indem er vermeintliche Selbstverständlichkeiten hinterfragt und regelrecht auf den Kopf stellt und uns plastischer als ein Sachbuch vor Augen führt, welche Verheerungen manche politische Entscheidungen in der Psyche der Betroffenen anrichten. Diesem spannenden, dramaturgisch geschickt komponierten Krimi mit aktuellem gesellschaftspolitischen Hintergrund wünsche ich viele Leser.