wenig fesselnd und spannend

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nancy0705 Avatar

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In "Minnesota" erzählt Jo Nesbø eine Geschichte auf zwei Zeitebenen. Im Jahr 2022 berichtet ein Schriftsteller in der Ich-Form davon, wie er versucht, Mordfälle aus dem Jahr 2016 zu rekonstruieren. Damals ermittelte der Polizist Bob Oz in Minnesota in mehreren brutalen Mordfällen, eingebettet in ein gesellschaftlich und politisch extrem angespanntes Klima.
Die Ereignisse von 2016 werden aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert, während die Erzählebene von 2022 eine rückblickende, kommentierende Funktion einnehmen soll.

Ich muss sagen: "Minnesota" von Jo Nesbø konnte mich leider gar nicht abholen.
Schon der Einstieg war für mich eine echte Zumutung. Über viele Seiten hinweg war ich völlig orientierungslos: Wer erzählt gerade? In welchem Jahr befinde ich mich?
Statt Neugier oder Spannung zu erzeugen, hat mich der Roman von Anfang an eher verwirrt.

Die doppelte Erzählebene hätte interessant sein können, empfand ich letztlich jedoch eher als unnötig kompliziert und schlecht austariert. Besonders der Strang von 2022 hat sich für mich nie wirklich erschlossen. Auch nach dem Ende des Buches habe ich nicht verstanden, welchen echten Beitrag diese Erzählebene leisten sollte. Dass dieser Erzählstrang gegen Ende fast vollständig verschwindet, bestätigt für mich eher, wie überflüssig er letztlich ist.

Noch problematischer fand ich jedoch das Erzähltempo. Die Geschichte zieht sich für mich quälend langsam dahin. Bis weit ins letzte Drittel hinein hatte ich das Gefühl, dass kaum etwas passiert, das wirklich relevant oder spannend wäre. Viele Passagen wirken aufgebläht, redundant und ermüdend. Statt Spannung aufzubauen, verliert sich der Roman immer wieder in Perspektivwechseln und Nebenfiguren, die kaum im Gedächtnis bleiben. Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich mich so sehr zum Weiterlesen zwingen musste.
Die wenigen spannenden Momente am Ende kommen viel zu spät und können den zuvor entstandenen Eindruck von Langatmigkeit für mich nicht mehr retten.

Ein großes Problem war für mich zudem die Hauptfigur Bob Oz.
Ja, er ist ein Antiheld: alkoholkrank, aggressiv, respektlos, traumatisiert und vollkommen regelresistent. An sich ist das nichts Neues – problematisch wird es dort, wo diese Eigenschaften nicht mehr kritisch reflektiert, sondern fast schon routiniert abgespult werden. Bob Oz war mir von Anfang an unsympathisch, und das änderte sich im Laufe des Romans kein bisschen. Sein Verhalten gegenüber anderen und insbesondere gegenüber Frauen empfand ich als unangenehm und teilweise auch altmodisch. Dass seine Vergangenheit als Erklärung herangezogen wird, reicht mir nicht aus.
Für mich bleibt er eine Figur, zu der ich keinerlei Beziehung aufbauen konnte und ohne diese emotionale Bindung fehlt mir schlicht die Motivation, ihm über mehrere hundert Seiten zu folgen.

Stilistisch war das Buch an sich zwar solide, aber auch hier hatte ich das Gefühl, dass noch mehr möglich gewesen wäre.
Die Sprache ist kühl, teilweise beinahe monoton, und trägt stark zur zähen Wirkung des Romans bei. Atmosphäre ist zwar vorhanden – Minnesota wirkt kalt, düster und gesellschaftlich zerrissen –, doch diese Stimmung allein reicht für mich nicht aus, um über die erzählerischen Schwächen hinwegzutrösten.

Positiv hervorheben kann ich lediglich, dass der Roman aktuelle gesellschaftliche und politische Themen aufgreift. Rassismus, Polizeigewalt, die Präsidentschaftswahl und die Debatte um Waffengesetze sind klar präsent und verleihen der Geschichte eine gewisse zeitgeschichtliche Relevanz. Allerdings hatte ich auch hier oft das Gefühl, dass diese Themen eher angerissen als wirklich tiefgehend verarbeitet werden.

Fazit

Am Ende bleibt für mich ein insgesamt enttäuschender Eindruck. "Minnesota" von Jo Nesbø ist für meinen Geschmack überkonstruiert, erzählerisch schleppend und mit einer Hauptfigur ausgestattet, die mir das Weiterlesen eher verleidet als schmackhaft macht.
Die überraschende Auflösung am Schluss ist zwar gut gemacht, kommt aber viel zu spät, um das vorherige Leseerlebnis für mich noch zu retten.