Achtung Kitschgefahr!

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
jori1020 Avatar

Von

Martina Bogdahn ist zweifellos vielseitig. Neben ihrer Arbeit als Fotografin veröffentlicht sie mit 'Mirabellentage' bereits ihren zweiten Roman und spricht ihre Hörbücher auch noch selbst ein. Nach dem gelungenen Debüt 'Mühlensommer' (2024) waren meine Erwartungen entsprechend hoch. Ganz erfüllen konnte 'Mirabellentage' diese jedoch leider nicht.

Im Mittelpunkt steht Anna, eine Frau in ihren Fünfzigern, die jahrzehntelang als Haushälterin für den Ortspfarrer eines kleinen niederbayerischen Dorfes gearbeitet hat. Als Pfarrer Josef stirbt, gerät ihr geordnetes Leben aus den Fugen. Sie muss sich mit dem neuen Pfarrer Fridtjof arrangieren, der mit norddeutschem Einschlag so gar nicht ins Dorf zu passen scheint. Zudem soll sie Josefs Asche ans Meer bringen, was sich als schwierig erweist, da sie seit über dreißig Jahren nicht mehr Auto gefahren ist. Ergänzt wird die Handlung durch zahlreiche Rückblenden, die Episoden aus Annas Leben erzählen.

Was Bogdahn, wie schon in ihrem Debüt, sehr gut gelingt, ist die atmosphärische Dichte. Ihre detailreichen Beschreibungen machen das Dorfleben unmittelbar erlebbar. Man meint, die Mirabellen im Pfarrgarten riechen, den Fahrtwind bei Annas Mofafahrten spüren oder die frische Marmelade schmecken zu können. Diese sinnliche Präsenz erzeugt eine starke, durchaus eskapistische Wirkung. Auch der leise Humor überzeugt, etwa wenn Pfarrer Fridtjof in einer Predigt auf Italienisch kurzerhand ein Minestrone-Rezept vorträgt, weil die Gemeinde ja "eh kein Italienisch versteht".

Weniger überzeugt hat mich die Sprache insgesamt. Die vielen atmosphärischen Beschreibungen sind zwar schön, wirken aber mitunter überladen. An einigen Stellen hätte weniger eindeutig mehr gewesen. Gerade die Häufung von sehr pointierten, beinahe kalenderspruchartigen Formulierungen wirkte auf mich stellenweise etwas bemüht. In Kombination mit einer recht vorhersehbaren Handlung driftet der Roman dadurch für meinen Geschmack zu sehr ins Kitschige ab. Auch die zahlreichen Anekdoten aus Annas Leben tragen wenig zum eigentlichen Geschehen bei und machen die Geschichte an einigen Stellen dann doch etwas langatmig.

Das Hörbuch aus dem Argon Verlag, von der Autorin selbst gelesen, ist hingegen sehr gelungen. Bogdahn verleiht der Geschichte mit ihrer Stimme zusätzliche Atmosphäre und Authentizität, was das Hörerlebnis deutlich aufwertet.

Insgesamt ist Mirabellentage ein atmosphärischer, leicht zugänglicher Roman, der vor allem Leser*innen anspricht, die Sinn für ländliche Schauplätze, warme Geschichten und einen gewissen Hang zum Sentimentalen mitbringen. Für mich persönlich war es allerdings etwas zu viel des Guten.