Ein Buch voller Sonnenschein und Mirabellenmarmelade

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kleine hexe Avatar

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Das Buch beginnt sehr ernst: der katholische Pfarrer stirbt plötzlich und das Fräulein Pfarrköchin muss sich um alles kümmern. Sie meistert das mit Ernst und Umsicht. Sie regelt das den Wünschen des verstorbenen Pfarrers entsprechend und unter Beachtung der konservativen Gepflogenheiten des Dorfes Blumfeld.
Aber Anna ist kein “Fräulein Pfarrköchin”, wie wir sie aus Ludwig Thomas Briefen von Josef Filser kennen. Eigentlich kommt während der Lektüre des Buches kein einziger “schmuddeliger Gedanke” an Promiskuität oder Erotik auf. Anna ist viel mehr als die Pfarrköchin. Sie betreut fast alle Vereine und Zirkel im Dorf, für alt und jung, sie hilft dem Pfarrer bei den Predigten und, bei Bedarf, steigt sie sogar selbst auf die Kanzel oder nimmt einem Mann die Beichte ab. Nun, das mag wohl in einem Roman angehen, aber im echten Leben leider undenkbar. Da würde der Papst eher zum Rabbi werden, ehe eine Frau das Wort Gottes vor der Gemeinde verkünden oder die Beichte abnehmen dürfte..
Martina Bogdahn hat ein paar herrliche Szenen in ihrem Buch geschaffen, die die Tendenz zum Kopfkino in sich tragen: Ministranten, die während des Gottesdienstes über ihren Gewändern auch noch einen Fahrradhelm tragen müssen, ist solch eine Szene. Oder der neue Pfarrer, aus dem absoluten Norden Deutschlands stammend - eigentlich dort, wo man die Landkarte schon an die Wand hängt, also von einer Hallig, spricht Plattdeutsch, für einen Franken komplett unverständig. Anna hilft dem neuen Pfarrer, indem sie ihm vorschlägt, die Predigt auf Latein zu halten. Doch Fridtjof ist der Kirchensprache nicht mächtig. Kein Problem, Anna bietet ihm ihr italienisches Kochbuch an, daraus liest er dann bei seiner ersten Predigt das Minestrone-Rezept vor. Sonntags darauf hält er eine Auberginen-Predigt. Die einzige, die ihn versteht, freut sich: die einzigen Predigten, die sie perfekt nachkochen kann. Oder die Männer in Rollstühlen vor dem Supermarkt, die lieber die Säcke Blumenerde kaufen, weil das immer noch billiger sei, als ein Platz im Altersheim. Noch ein Kopfkino gefällig? Martinsgans im August! Es sind solche kleinen Szenen, die das Buch zu einem Feeling Good Roman werden lassen.
In Blumfeld und Umgebung gibt es keine Kirchenaustritte. Der einzige, der gerne ausgetreten wäre, ist der verstorbene Pfarrer. Aber sein Versprechen an seine Mutter, sein Pflichtbewusstsein und seine Jugendfreundin Anna hielten ihn davor zurück. Obwohl er so gerne etwas von der Welt gesehen hätte.
Und immer wieder tauchen die reifen Mirabellen auf, die zu Marmelade eingekocht werden und nur in diesem Jahr werden sie zu Schnaps gebrannt. Das Bild vom Baum voll von reifen goldgelben süßen Mirabellen wird immer wieder heraufbeschworen. (So nebenbei, Mirabellenbäume blühen so wunderschön im Frühling, werden aber kein einziges Mal erwähnt) Seit Generationen verteilen die jeweiligen Haushälterinnen des Pfarrhauses Mirabellenmarmelade an die Dorfbewohner. Mirabellenmarmelade im Sommer gehört zu Blumfeld dazu. Das leuchtende Titelbild beschwört auch Erinnerungen an meine Kindheit herauf, bei uns wurden die Mirabellen auch eingekocht.Heutzutage verarbeite ich sie aber zu Gelee. Geht einfacher.