ruhig und atmosphärisch

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Wenn ein ganzes Dorf zwischen zwei Buchdeckeln passt…

Die Ich-Erzählerin Anna, 54 Jahre alt und Haushälterin des Dorfpfarrers, bringt uns in Martina Bogdahns frisch erschienenen Roman „Mirabellentage“ ein ganzes Dorf nahe. Anna ist in Blumfeld aufgewachsen, ging mit den anderen Dorfkids zur Schule, arbeitete auf den Bauernhöfen rundherum, machte bei der Dorfgaststätte eine Lehre und fand schließlich ihr Zuhause im Pfarrhaus. Josef, seit Kindertagen mit Anna verbunden, übernimmt nach seiner Priesterweihe die freie Pfarrstelle in seinem Heimatdorf und holt sich Anna als Verstärkung. Zusammen sind sie über 30 Jahre ein Team für das Haus, die Kirche und die Gemeinde. Routine, Pflichtgefühl und der Dorfalltag prägen und erfüllen Annas Leben, während Josef von Freiheit, vom Meer, von weiten Reisen träumt. Erfüllen kann er sie sich nicht mehr. Sein überraschender Tod bringt Annas Welt aus dem Gleichgewicht. Zwischen Zukunftsängsten und verpassten Chancen erzählt sie uns aus ihrer Vergangenheit, von ihren Wünschen und kleinen Hoffnungen, dass da vielleicht doch noch mehr auf sie wartet.

„Viele Dinge, die ich mir wünschte, waren einfach nicht passiert, und ich wusste nicht, wie ich das hätte ändern sollen. Andererseits war mir klar, dass derjenige, der eine Wahl hat, sich auch für den falschen Weg entscheiden kann.“

In ihren Rückblicken streifen wir auch die Leben der Blumfelder*innen: vom jungen Josef und seiner depressiven Mutter, von Annas bester Freundin Vera, von der Seniorengruppe und der Kneippfahrt, von der Mirabellenmarmelade backenden Haushälterin Marlies, die eine neue Tradition begründete, von Johanna vom Geflügelhof, von der Italienerin, vom Fahrlehrer Tanner. Der Roman steckt voller kleiner Geschichten – nur Anna fehlt noch ihre eigene. Hat Josef vielleicht mit seinem letzten Wunsch gehofft, dass sie den Mut findet aufzubrechen, ihr Leben zu verändern?

„Das Leben ist am Ende irgendwie doch so etwas wie eine Reise.“

Am Roman haben mir vor allem zwei Dinge gefallen: die Ruhe und Nachdenklichkeit eingebettet in die Sprache sowie die humorvollen Anekdoten verbunden mit der klaren Atmosphäre ehrlichen Dorflebens. Trauer, Verlust und Ungewissheiten spielen zwar eine entscheidende Rolle, hier dominiert jedoch ein optimistischer, gefühlvoller, aufbauender Ton, der verdeutlicht: Es ist nie zu spät, seinen Lebensweg zu überdenken, neue Wege zu beschreiten und auch wieder zurückzufinden

„Heimkommen kann man nur, wenn man von zu Hause weggeht.“

Fazit

Ein gefühlvoller, ruhiger Roman, der mit jeder Seite und mit jedem Einblick ins dörfliche Leben intensiver wird. Die menschlichen empathischen Protagonisten zeigen uns, dass auch in einer vermeintlich heilen ländlichen Welt, eine breite Gefühlspalette zu finden ist. Abgerundet wird „Mirabellentage“ von einem schönen Ausklang.