Wie ein Heusaunanachmittag

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marieon Avatar

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Die letzten Meter muss Anna ihr Fahrrad schieben. Der Vorderreifen ist geplatzt und schlabbert um die Felge. Es ist noch ruhig in Blumfeld. Die Kirchenglocke läutet blechern sieben Mal. Sie überquert den Marktplatz, ihre Sohlen klatschen leise auf das Kopfsteinpflaster. Die Tür der Bäckerei steht offen und der Geruch des frischen Brotes lässt ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Sie ist noch niemandem begegnet und ist froh darum, denn wie sollte sie erklären, dass jetzt alles anders ist. Am Zaun der Pfarrei lehnt sie ihr Fahrrad an den Zaun, nimmt Jacke und die Wiesenblumen aus dem Korb am Lenker und öffnet das Holztörchen, das leise ächzt. Auf den Eingangsstufen liegen mehrere Briefe, die sie zusammenklaubt und mit hineinnimmt. Sie schaut sie kurz durch, sieht die betenden Hände von Dürer und weiß wieder glasklar, dass der Josef jetzt tot ist.

Während der Beisetzung schweift Annas Blick über die verhangenen Felder. Hoffentlich hat keiner der Sargträger gemerkt, dass der Josef gar nicht darin ist. Sie hat den Bestatter beauftragt, ein paar Steine ins Innere zu legen, so wie Josef es ihr aufgetragen hat, Wochen bevor er starb. Es war ein regnerischer Nachmittag. Sie saßen in der Küche am Tisch und hatten sich die Tageszeitung geteilt, als der Josef sich plötzlich räusperte. „Du Anna, was hältst du davon, wenn ich nicht neben meiner Mutter beerdigt würde?“ Da dachte die Anna, sie hat nicht richtig gehört und fragte noch einmal nach.

Fazit: Martina Bogdahn hat nach ihrem Bestseller-Erfolg „Mühlensommer“ wieder eine Geschichte über Dorfbewohner geschrieben. Die Ich-erzählende Haushälterin des Pfarrers hat dessen Tod zu betrauern. Sie kannten sich seit Kindertagen und standen sich nahe. Sein Tod schwemmt einige neue, ungewohnte Ereignisse in Annas Leben und dazu gehören nicht nur eine gefakte Beerdigung und ein neuer Pfarrer, der von der Gemeinde bald schon vergöttert werden wird. Anna ist die Frau im Dorf, die alle zusammenhält und die Gemeinschaft festigt. Der Erzählstil von Martina Bogdahn ist gemächlich. Die Autorin versucht mit ausschweifenden Beschreibungen Bilder in mir zu erzeugen und das war mir stellenweise zu viel. Allerdings haben ihr feiner Humor und die Gabe Situationskomik zu zeigen, mich wieder abgeholt. Alles in allem ist der Autorin ein genüsslicher Wohlfühlroman ohne störende Konflikte gelungen. Wer das mag, sich von Martina Bogdahn in ein warmes Badetuch einwickeln zu lassen und die Geschichte in der Horizontalen genießt, wird eine ganz unbeschwerte Zeit verbringen, ähnlich eines Heusaunanachmittags.