Zwiespältiger Eindruck
Martina Bogdahn hatte 2024 mit ihrem Debüt „Mühlensommer“ einen Riesenerfolg; monatelang stand der Roman auf der Bestsellerliste. Und auch ihr neues Buch „Mirabellentage“ hat sich dort schon einen Platz erobert. Anscheinend stillt die Autorin mit ihren Geschichten das Bedürfnis vieler nach einem überschaubaren Ort, der zwar auch keine Idylle bietet, aber ein dörfliches Miteinander.
Wir sind wieder in Blumfeld, einem fiktiven Dorf im Fränkischen. Hier ist Anna, die Ich-Erzählerin, aufgewachsen und hier war sie dreißig Jahre lang die Haushälterin des Dorfpfarrers, mit dem sie seit Kindheitstagen befreundet ist. Doch nun ist Josef überraschend gestorben und Anna muss sich neu orientieren. Wird der zukünftige Pfarrer sie überhaupt brauchen? Und wo ist fortan ihr Platz in der Gemeinde? Kann sie mit Mitte Fünfzig eine andere Aufgabe finden?
Doch zunächst muss sie noch ein ganz anderes Problem lösen, nämlich den letzten Wunsch des Verstorbenen erfüllen. Der wollte nicht in das Familiengrab zu seiner Mutter. Die hatte ihn mit sehr viel Liebe und Druck sein Leben lang dominiert. Traumatisiert von den Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht war ihr ganzer Lebensinhalt ihr Junge. Er sollte einmal Pfarrer werden, das war der sehnlichste Wunsch der frommen Frau. Und Josef als braver Sohn gehorcht. Doch im Tod will er endlich frei sein von ihr. Seine Asche soll im Meer verteilt werden. Und so kommt es, dass die Gemeinde einen mit Steinen gefüllten Sarg beerdigt und Anna dasteht mit einer Dose voller Asche.
Mit Anna lernen wir eine Frau kennen, wie es viele geben mag. Ihr Alltag ist mit so vielen Aufgaben ausgefüllt, dass sie einfach funktioniert. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellt sie hintenan, kennt sie kaum. Ganz selten streift sie der Gedanke, dass auch ein anderes Leben möglich gewesen wäre. „Viele Dinge, die ich mir wünschte, waren einfach nicht passiert, und ich wusste nicht, wie ich das hätte ändern sollen. Andererseits war mir klar, dass derjenige, der eine Wahl hat, sich auch für den falschen Weg entscheiden kann.“
Auch in dieser Situation, in der wir sie kennenlernen, versucht sie es allen recht zu machen. Einerseits Josefs letzte Reise zu
ermöglichen, andererseits ihre Pflichten nicht zu vernachlässigen. Sie muss die Beerdigung organisieren, sich um den jungen Pfarrer kümmern, der mit seiner Aufgabe völlig überfordert scheint, und außerdem sind die Mirabellen reif und sie sollte wie jedes Jahr Unmengen an Marmelade einkochen. Für Trauer bleibt da wenig Zeit.
In Rückblenden erfahren wir manches aus Annas Kindheit und Jugend, aber auch unzählige Anekdoten aus dem Dorfleben. Manche davon erschienen mir überzeichnet und albern, andere dagegen waren sehr berührend. So hätte ich z.B. auf die Kneippfahrt, unter der die Männer des Dorfes etwas anderes verstanden haben, verzichten können. Das war Bauerntheater, nicht lustig, sondern platt und diffamierend. Es wäre besser gewesen, hier einige Episoden zu streichen und stattdessen den Fokus stärker auf Anna und ihre Entwicklung zu richten. Es gibt zwar deutliche Anzeichen, dass sich für Anna neue Perspektiven auftun. Leider wird das Ende etwas zu schnell abgehandelt.
Ich habe den Roman zwar gerne gelesen. Martina Bogdahn entwirft Bilder und Szenen, die voller Atmosphäre sind. Mit einem liebevollen Blick betrachtet sie die meisten ihrer Figuren.
Allerdings erschien mir die Geschichte wie aus der Zeit gefallen. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 2010; vieles wirkt aber wie in einem alten Heimatroman. Wann hat man in letzter Zeit eine Geschichte über eine Pfarrhaushälterin gelesen? Ich bin allerdings froh, dass die Autorin keine Liebesgeschichte zwischen dem Pfarrer und seiner Haushälterin erfunden hat. Auch wenn eine tiefe emotionale Verbindung zwischen den beiden spürbar war.
So ist „Mirabellentage“ für mich eine etwas irritierende Lektüre gewesen. Einerseits hat mich das Thema „Abschied und Neubeginn“ angesprochen und auch in der Umsetzung weitgehend überzeugt. Andere Teile des Buches waren überzeichnet und wenig sinnhaft.
Trotzdem: Wer sich ein paar entspannte Stunden mit einem Wohlfühlbuch gönnen möchte, liegt hier nicht falsch.