Zwischen Kindheit und Verantwortung – ein stilles, berührendes Porträt in „Mirabellentage“

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Martina Bogdahns Mirabellentage ist kein lauter Roman – und genau darin liegt seine Stärke. Mit ruhiger, klarer Sprache erzählt sie von einem Moment des Innehaltens, der Rückkehr und der inneren Auseinandersetzung mit Herkunft, Familie und den eigenen Lebensentscheidungen.

Im Zentrum steht eine Frau, die durch einen Unfall aus ihrem Alltag gerissen wird und – gezwungenermaßen – in die Welt ihrer Kindheit zurückblickt. Diese Rückschau entfaltet sich in feinen, fast tastenden Erinnerungen: an das Aufwachsen auf dem Land, an die Eltern, an das Gefühl von Enge und gleichzeitig von Geborgenheit. Die „Mirabellentage“ werden dabei zu einem Symbol für eine Zeit, die gleichzeitig leicht und beschwert war – sonnendurchflutet und doch nicht unbeschwert.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Ehrlichkeit, mit der Bogdahn ihre Figur zeichnet. Da wird nichts beschönigt. Die Ambivalenz gegenüber den Eltern, die leisen Vorwürfe, aber auch die späte Einsicht – all das wirkt sehr menschlich und nachvollziehbar. Es geht weniger um Handlung als um Gefühl, weniger um Drama als um Erkenntnis.

Manchmal ist das Tempo fast zu ruhig, und wer eine stark plotgetriebene Geschichte erwartet, könnte sich etwas Geduld abringen müssen. Doch wenn man sich darauf einlässt, entfaltet der Roman eine leise Sogwirkung.

Mirabellentage ist ein Buch über das Zurückschauen, ohne nostalgisch zu verklären, und über das Verstehen, ohne einfache Antworten zu liefern. Ein stiller, nachdenklicher Roman, der lange nachhallt.