Fesselnd und ergreifend

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Ich mag das typische Diogenes‑Cover mit der farbenfrohen Illustration total gern, es wirkt leicht, hoffnungsvoll und passt für mich super zu einer Geschichte über Blickwechsel und Neuanfänge. Beim Lesen der Leseprobe war ich sofort in Tildas Welt drin: Diese Szene, in der sie merkt, dass ihr kleiner Finger „weg“ ist, gleichzeitig aber noch spürbar, ist so absurd, dass ich erst lachen musste – und dann doch mit ihr in die Panik rutsche. Der Schreibstil ist leicht, dialogreich und sehr humorvoll, aber darunter liegt ständig etwas Nachdenkliches über das Älterwerden und darüber, wie Frauen ab fünfzig unsichtbar werden, ohne dass sich jemand so richtig dafür interessiert.


Besonders gefallen haben mir Tildas Selbstironie und die vielen kleinen Details: die Fotos ihrer Zwillingstöchter, der einäugige Kater Pirat, der sie beruhigt, die besten Freundinnen Ali und Leith, die sofort an ihrer Seite sind, und die Ärztin Gurinder, die „Morbus Invisibilis“ fast schon nüchtern diagnostiziert – das macht die Figuren für mich sehr lebendig und glaubwürdig. Auch die Szene im Café mit Patrick, der selbst blind ist, fand ich stark, weil sie Tildas eigene Unsichtbarkeit noch mal ganz anders spiegelt und gleichzeitig schön peinlich‑menschlich ist. Der Spannungsaufbau funktioniert für mich super: Vom verschwundenen Finger, über das unsichtbare Ohr und die Untersuchungen, bis hin zur klaren Diagnose und der Frage, wie weit diese Unsichtbarkeit noch gehen wird, wollte ich immer weiterlesen.


Von der weiteren Geschichte erwarte ich eine berührende, feministische, aber trotzdem sehr unterhaltsame Reise: Wie findet Tilda zu sich selbst, während sie äußerlich immer mehr „verschwindet“? Wie wichtig werden ihre Freundschaften, ihre Töchter und vielleicht auch Patrick dabei noch? Ich hoffe auf viele kluge, witzige Beobachtungen über Sichtbarkeit, Körper, Alter und weibliche Lebensläufe – und darauf, dass Tilda am Ende gerade durch diese Unsichtbarkeit lernt, sich selbst endlich wirklich zu sehen. Genau deshalb würde ich das Buch sehr gerne weiterlesen