Sichtbar werden

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
vanstralen Avatar

Von

Wenn du dich jemals übersehen, unterschätzt oder langsam aus deinem eigenen Leben herausgefiltert gefühlt hast – dann wird dich dieses Buch mitten ins Herz treffen. Und dich dabei zum Lachen bringen.
Was mit einer herrlich absurden Idee beginnt – eine Frau in ihren Fünfzigern wacht auf und stellt fest, dass ihr kleiner Finger einfach verschwunden ist – entwickelt sich rasend schnell zu weit mehr als nur einer skurrilen Geschichte. Das ist keine bloße magische Spielerei. Das ist bissige Gesellschaftssatire, warmherzig erzählt, klug beobachtet und erschreckend nah an der Realität.
Tilda ist eine Protagonistin, die man sofort ins Herz schließt. Scharfsinnig, ironisch, manchmal herrlich kleinlich, liebevoll, verletzlich – und wunderbar menschlich. Sie verkauft Motivationssprüche, an die sie selbst nicht mehr richtig glaubt. Sie verdreht innerlich die Augen über Buzzwords wie „proaktiv“. Sie liebt ihre Töchter, ihren einäugigen Kater und ihr chaotisches Leben. Und während sie Menopause, Erinnerungen an ihren charismatischen, aber egozentrischen Ex-Mann und die Dynamik langjähriger Freundschaften jongliert, wird sie – denkbar unpraktisch – Stück für Stück unsichtbar.
Ja. Wirklich unsichtbar.
Die große Stärke dieses Romans liegt darin, wie mühelos er das Surreale mit dem Alltäglichen verbindet. Arztbesuche mit der Diagnose „Morbus Invisibilis“ sind gleichzeitig komisch und beunruhigend. Pseudo-wissenschaftliche Einschübe über Frauen über fünfzig, die statistisch aus Beruf und Öffentlichkeit verschwinden, sind so pointiert, dass sie schmerzen. Der Seitenhieb auf die Gender-Health-Gap trifft ins Schwarze – man lacht, und merkt im nächsten Moment, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
Und dann sind da die Beziehungen.
Die Rückblenden zur ersten Begegnung mit ihrem Ex knistern vor Energie – romantisch, magnetisch, berauschend. Und doch schwingt von Anfang an etwas mit, das man erst später ganz versteht: In seinem Sternenhimmel ist vielleicht nur Platz für einen. Die Freundschaften wiederum sind warm, widersprüchlich, ehrlich und genau so, wie echte langjährige Verbindungen eben sind. Und die Szene im Café mit dem charmanten Fremden – der sich als blind herausstellt – ist gleichzeitig urkomisch, zart und von einer wunderbaren Ironie durchzogen.
Unter all dem Humor und der klugen Konstruktion liegt eine zutiefst menschliche Frage:
Was passiert, wenn das Leben, das man sich aufgebaut hat, sich nicht mehr wie das eigene anfühlt?
Und was braucht es, um wirklich wieder sichtbar zu werden?
Dieser Roman ist witzig, intelligent, berührend – feministisch, ohne zu predigen. Er liest sich wie ein Abend mit den besten Freundinnen bei einem Glas Wein, bei dem man plötzlich merkt, dass es um etwas Größeres geht.
Spätestens wenn Tilda „Etwas anderes machen“ in ein neues Notizbuch schreibt, ist klar: Man will wissen, wie es weitergeht. Man hofft. Man fiebert mit.
Das ist ein Buch, das man einer Freundin in die Hand drückt mit den Worten: „Das musst du lesen.“
Und danach möchte man jede einzelne Szene gemeinsam durchsprechen.