Diagnose Unsichtbarkeit, über Selbstfindung und -heilung

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annamagareta Avatar

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„Mit anderen Augen“ ist ein gesellschaftskritischer Roman der australischen Autorin Jane Tara.

Die 52-jährige Tilda Finch steht mitten im Leben. Sie ist Mutter von Zwillingstöchtern und beruflich erfolgreich. Voller Erschrecken stellt sie eines Morgens fest, dass ihr ihr kleiner Finger fehlt. Dabei bleibt es nicht und sie geht zu ihrer Ärztin. Diese diagnostiziert ihr „Morbus Invisibilis“, eine Unsichtbarkeitserkrankung.

Das physische Verschwinden von Tildas Körperteilen steht für ihre gefühlte Unsichtbarkeit. Wie so viele Frauen in der Mitte ihres Lebens hat sie es immer versucht allen anderen recht zu machen und sich dabei nach und nach selbst verloren. Sie fühlt sich übersehen und übergangen und nun nimmt ihr innerer Gefühlszustand sichtbare bzw. in diesem Fall eben unsichtbare Formen an.

Der Schreibstil von Jane Tara liest sich trotz des ernsten Themas angenehm leicht, da sie ihre Protagonistin mit einer guten Portion Humor versehen hat.

Tilda will nicht unsichtbar werden und sie stemmt sich mit all ihrer ihr zur Verfügung stehenden Kraft dagegen. Dabei begibt sie sich auf eine inspirierende Reise der Selbstwiederentdeckung, bei der sie in ihr Leben zurückblickt. Sie beginnt damit ihr bisheriges Leben zu hinterfragen und begreift, dass ihr Verschwinden mit ihrer fehlenden Selbstwahrnehmung zusammenhängt. Sie probiert sich aus und endlich nehmen auch ihre Bedürfnisse etwas mehr Raum ein.

Mir gefällt es, wie die Autorin hier kritische Themen in Romanform gebracht haben. Leider werden viele Krankheiten, die nur Frauen betreffen – wie hier die Unsichtbarkeitserkrankung – nicht hinreichend und intensiv erforscht. Hier muss unbedingt mehr passieren. Genauso kritisch ist es zu sehen, dass sich viele Frauen übersehen fühlen und sich wie selbstverständlich hinten an stellen. Auch wenn die gesellschaftliche Unsichtbarkeit weit verbreitet ist, liegt es an jeder einzelnen Frau selbst wieder sichtbar zu werden und ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Mir hat die Kombination aus Gesellschaftskritik, Humor, Selbstfindung und -heilung sehr gut gefallen und ich bin gespannt auf weitere Bücher der Autorin. Mit ihrem Roman trifft sie den Nerv der Zeit.