Die Wirklichkeit ist ein Spiegel der Gedanken

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Nach der Scheidung von Tom vor fünf Jahren lebt Tilda Finch (52) allein, nur in Gesellschaft ihres Katers Pirat und ihres Hundes Buddy. Ihre erwachsenen Zwillingstöchter Holly und Tabitha (20) sind bereits ausgezogen. Dennoch hätte sich Tilda nicht für unglücklich gehalten, denn sie hat eine erfolgreiche Firma, tolle Freundinnen und ein schönes Haus in Middle Bay, einem Vorort am Meer in der Nähe von Sydney. Doch eines Tages stellt sie plötzlich fest, dass ihr rechter, kleiner Finger nicht mehr zu sehen ist. Kurz darauf scheint auch ein Ohr verschwunden zu sein. Ihre Ärztin diagnostiziert bei ihr „Morbus invisibilis“: eine Unsichtbarkeitserkrankung. Tilda ist geschockt und verwirrt. Wie soll ihr Leben nun weitergehen?

„Mit anderen Augen“ ist ein Roman von Jane Tara.

Die Geschichte greift ein tatsächlich existierendes Problem auf und nimmt die Metapher dabei sehr wörtlich: die Unsichtbarkeit von Frauen jenseits der 50 im gesellschaftlichen Alltag. Dass ältere Frauen nur noch seltenst befördert werden, ihre Engagements und Aufträge einbrechen, ihnen aufgrund ihres Alters Bedeutung und Kompetenz abgesprochen werden und sie zunehmend in den Hintergrund gedrängt werden, ist ein reales Phänomen. Im Roman wird dies auf die Spitze getrieben: Bei einigen Frauen in der Geschichte werden Körperteile unsichtbar oder sie sind irgendwann gar nicht mehr zu sehen. Das heißt, der Roman beinhaltet magischen Realismus. Dabei wird diese Krankheit zunächst schlüssig erklärt. Erst im weiteren Verlauf entstehen Inkonsistenzen und es bleiben offene Fragen zu dem Thema.

Besonders gut hat mir gefallen, dass der Roman dieses Problem auf eine weitere Ebene hebt: Wie nehmen wir die Welt wahr? Und wie beeinflussen unser Denken, unsere Prägungen und unsere Erfahrungen das, was wir sehen? Auch dazu liefert die Geschichte interessante und bereichernde Impulse.

Über die Altersdiskrimierung von Frauen hinaus bringt der Roman weitere feministische Aspekte auf angenehm unaufgeregte Weise zur Sprache: zum Beispiel die unzureichende Forschung zur Frauengesundheit (Gender Health Gap).

Erzählt wird die Geschichte in 66 Kapiteln in personaler Perspektive aus der Sicht von Tilda. Wir begleiten sie über einen Zeitraum von mehreren Monaten, in denen die Protagonistin, die mit viel psychologischer Tiefe ausgestattet ist, eine deutliche Entwicklung erlebt.

Jedes Kapitel wird mit je einem Zitat einer realer oder fiktiven Person eingeleitet. Auch darüber hinaus sind in den Text immer wieder Referenzen auf Literatur, Philosophie, Psychologie, Spiritualität und andere Bereiche eingestreut. Diese Häufung von teils inspirierenden und augenöffnenden Sätzen, teils banalen Kalendersprüchen war für mich ein wenig zu viel.

Nach einem starken Beginn hat mich die knapp 500 Seiten umfassende Geschichte zunehmend verloren. Erwartet hatte ich eine bewegende Handlung rund um Freundinnenschaft, weibliche Selbstermächtigung und die Solidarität zwischen Frauen. Dieser Erwartung wird der Roman zwar in Ansätzen gerecht, doch er setzt diesbezüglich keinen klaren Fokus. Die penetrante Überbetonung der Kraft der Meditation sorgt zudem für etliche Redundanzen und langatmige Passagen.

Bedauerlich finde ich es, dass der Roman einer unglaubwürdigen Liebesgeschichte unnötig viel Raum gibt. So entsteht der Eindruck, dass Frauen nur in einer Beziehung oder in der Liebe zu einem Mann vollste Erfüllung finden. Nicht nur in diesem Punkt driftet die Geschichte zunehmend ins Klischee- und Märchenhafte ab.

Erfreulich und sinnvoll ist hingegen die Entscheidung des Diogenes Verlags, sich zugunsten von „Mit anderen Augen“ vom englischsprachigen Originaltitel („Tilda is visible“) komplett zu lösen. Auch die zum Covermotiv auserkorene Illustration von Paul Thurlby („A New Day“) ist mit ihrer Mehrdeutigkeit eine hervorragende Wahl.

Mein Fazit:
In ihrem Roman „Mit anderen Augen“ greift Jane Tara ein wichtiges Problem auf kreative und unterhaltsame Weise auf. Leider kann die Geschichte jedoch nicht ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen und bleibt hinter meinen Erwartungen zurück.