Ein großartiger Anfang, ein durchwachsenes Ende

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"Mit anderen Augen" hat mich zwiegespalten zurückgelassen. Das ist schade, weil der Roman eigentlich alles mitgebracht hat, was ich gerne lese: eine ungewöhnliche Idee, gesellschaftliche Relevanz, Humor und eine Protagonistin, die nicht perfekt sein muss um interessant zu sein.

Die Grundidee ist großartig. Tilda bemerkt, dass nach und nach Teile ihres Körpers unsichtbar werden - erst nur ein Finger, später weitere Körperteile. Was erstmal absurd wirkt, ist natürlich eine Metapher für das Phänomen, dass viele Frauen mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen werden. Jane Tara verpackt das Thema kreativ und auch mit Humor. Gerade die erste Hälfte des Buches fand ich richtig gut.

Gut gelungen sind die Beobachtungen zu Rollenbildern und den typischen Situationen, in denen Frauen nicht ernst genommen werden. Auch Tildas Freundschaften und die unterschiedlichen Frauenfiguren bringen zusätzliche Perspektiven in die Geschichte. Der Schreibstil liest sich angenehm und flüssig, die Kapitel vergehen schnell und immer wieder gibt es Gedanken, die nachwirken.

Leider verliert der Roman für mich im weiteren Verlauf den Fokus. Aus der gesellschaftskritischen Geschichte wird zunehmend ein Mix aus Selbstfindungsroman und spiritueller Reise. Meditation und innere Heilung rücken in den Mittelpunkt. Das wirkte auf mich zu einfach, besonders wenn Verletzungen und komplexere Probleme dann innerhalb kurzer Zeit gelöst werden.

Auch die Liebesgeschichte hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht. Wieso müssen Frauen in Büchern am Ende immer einen Mann abbekommen? Den gleichen Effekt hätte man auch durch eine Freundin zum Beispiel zeigen können. Die Liebesgeschichte nimmt Raum ein, den ich lieber für die eigentliche Idee genutzt gesehen hätte. Das Ende war mir schließlich etwas zu kitschig. Dadurch ging ein Teil der Stärke verloren, die der Roman zu Beginn aufgebaut hatte.

Trotz der Kritikpunkte habe ich das Buch gerne gelesen. Die zentrale Metapher ist originell und viele Passagen sind wirklich gelungen. Umso mehr hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte konsequenter bei ihrer starken Ausgangsidee bleibt. So bleibt für mich ein Roman mit einem großartigen Anfang, vielen klugen Momenten und einigen Entscheidungen, die nicht ganz meinen Geschmack getroffen haben.

Insgesamt ist "Mit anderen Augen" lesenswert, auch wenn am Ende nicht das Potenzial ausgeschöpft wird, das am Anfang so deutlich sichtbar war.