Eine Frau sieht sich selbst

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federfee Avatar

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‘Lebenshilfe’ für Frauen in Romanform - Frauensolidarität - Selbstverwirklichung - sehen und gesehen werden - eine Liebesgeschichte

Es beginnt skurril: Tilda Finch sieht plötzlich ihren kleinen Finger nicht mehr. Er ist weg, ist aber noch zu fühlen. Sie ist 52 und lebt allein mit Hund und Katze in einem Haus am Strand (Australien); ihre Zwillingstöchter sind erwachsen und sie verdient ihr Geld als Fotografin in einer kleinen Firma, die Zitate mit den passenden Fotos auf T-Shirts, Tassen etc. vermarktet. Also ein richtig gutes Leben, wenn sie nicht vor fünf Jahren ihr Ehemann Tom nach siebzehn Jahren Ehe einfach so verlassen hätte, was sie anscheinend noch immer nicht richtig verarbeitet hat.

Als dann auch noch ein Ohr nicht mehr zu sehen ist, sucht sie ihre Ärztin auf und bekommt die niederschmetternde Diagnose ‘Morbus Invisibilis’, was gar nicht so selten sei, insbesondere nicht, wenn Frauen älter werden. Spätestens hier werden einige Leserinnen zustimmend nicken, weil auch ihnen schon länger niemand mehr hinterhergepfiffen hat ;-)

Und nun? Zum Glück hat Tilda Freundinnen, die zwar entsetzt sind, ihr aber Mut machen, sie unterstützen und ihr helfen. Das erfahren wir in humorvollen Dialogen wie z.B. ‘Wenn ich verschwinde, sind auch meine Falten weg’ oder: ‘Ich wollte schon immer eine neue Nase haben.’

Tilda schließt sich einer Selbsthilfegruppe an, die sie aber zu negativ findet und auch ein Retreat bricht sie ab, weil es nicht zu ihr passt. Wer ihr wirklich hilft, ist die Therapeutin Selma, die ihr strenge Aufgaben verpasst: Visualisierungen wie sie die Sportler machen, Meditation, ausmisten und entrümpeln außen und innen, aber vor allem der Kontakt mit PAULA.

Werdet ihr auch von PAULA genervt? Vermiest sie euch alles Mögliche, warnt vor möglichen Gefahren, findet, dass ihr zu dick, zu dünn, zu alt oder sonstwas seid? Paula ist das ‘Programm Aller Unhinterfragten Langzeit-Automatismen’, die inneren, meist negativen Gedanken, die aus der Vergangenheit stammen und die Tilda wahrnehmen soll, um die Glaubenssätze zu erkennen, die ihr Leben bestimmen und die umprogrammiert werden müssen. Das geht zwar nicht alles reibungslos und unproblematisch vonstatten, doch Tilda gewinnt zunehmend Erkenntnisse, was aus ihrer Kindheit und der Ehe mit Tom sie heute noch negativ beeinflusst. Vor allem aber erkennt sie, dass nichts davon übrig ist, was sie sich - vor allem künstlerisch - für ihr Leben einmal vorgestellt hatte.

Was ihr auch hilft, ist die Solidarität der Frauen, die Gemeinschaft, die sich mit den anderen aus der Selbsthilfegruppe bildet. Nicht zuletzt gibt eine Liebesgeschichte, die für Würze und Spannung sorgt.

Eine der großen Stärken des Romans sind unzweifelhaft die vielen Gedanken zum Thema ‘Sehen’. Was heißt es eigentlich, sich selbst oder andere Menschen zu sehen? Kommt es nicht leider ständig vor, dass man einen Menschen nicht sieht im Sinne von ‘übersehen, nicht wahrnehmen’? Und das ist keineswegs auf ältere Frauen beschränkt, die dem Ideal unserer Gesellschaft von Jugend und Schönheit nicht mehr entsprechen. Alle Menschen wollen gesehen, wahrgenommen und wertgeschätzt werden, wollen beachtet und nicht übergangen werden und möchten jemanden haben, der sie sieht. Nicht zuletzt geht es aber auch darum, sich selber zu ‘sehen’.

Fazit

Das Buch kommt in einer eigenartigen Mischung aus tiefgründigen Gedanken, einer unglaublichen Zitatenfülle, aber auch Wortspielereien (z.B. ein Ohr abkauen, sich aufs Ohr hauen, ich bin ganz Ohr) und fast flapsigen oder von Galgenhumor geprägten Dialogen daher.

Es geht aber nicht nur um die ‘Unsichtbarkeit’ von älteren Frauen in der Gesellschaft, sondern auch um das Sehen und Wahrnehmen anderer Menschen generell, um Lebensgestaltung und Sichfreimachen von belastenden Dingen der Vergangenheit.
Auch wenn man Tildas Probleme nicht hat, bietet das Buch viele Gedankenanstöße zum Thema ‘Sehen’, zur Lebensgestaltung und zur Wertschätzung anderer Menschen.