Frauen verschwinden nicht- sie sind nur nicht mehr sichtbar

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sarahjanebooks Avatar

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Ich habe ganz große Erwartungen in Mit anderen Augen gesetzt - und habe deswegen davor zurückgescheut, weil ich eine Rampe gebaut hatte, bei der ich eigentlich nur enttäuscht werden konnte. Mitnichten! Mit anderen Augen ist eines der wenigen Bücher, die meine hohen Erwartungen noch übertreffen.

Ich liebe Tilda Finch und ihre Freundinnen. Sie sind so lebensnah beschrieben, dass ich sowohl mit ihnen befreundet sein will, als auch genervt bin von ihrer Übergriffigkeit. Ich nehme den dreien sofort ab, befreundet zu sein.

Etwas überrascht war ich von der Erzählweise in der 3.Person. Mit anderen Augen eignete sich aus meiner Sicht so wunderbar, um in der Ich-Form von Tilda erzählt zu werden. Umso besser gefällt mir, dass ihre Gedanken dennoch so direkt weitergegeben werden. Das können halbfertige Sätze sein, wie wir mit uns selbst laut oder in Gedanken sein, oder es kann bedeuten, dass sie sich selbst scheltet, weil sie in ein Fettnäpfchen getreten ist. Ich liebe es jedenfalls, sie zu begleiten und mit Tilda zu wachsen.

Die Szenerie finde ich auch besonders spannend, weil sie so wunderbar, magischer-Realismus-like, unsere reale Welt (Stadium 1 der Unsichtbar-Krankheit: im Job z.B. bei Beförderungen übersehen werden) mit diesem Universum verbindet, in dem Frauen wortwörtlich unsichtbar werden - aber nicht verschwinden, wie Tilda immer wieder von ihrer Ärztin gesagt bekommt. Jane Tara gelingt hier in meinen Augen ein Kunststück: Sie wandelt auf der sehr dünnen Grenze, ein ernstes Thema fiktional leicht zu erzählen, zum Denken anzuregen und all diejenigen, die schon viel zum Feminismus gelesen haben und vom Kampf gegen das Patriarchat müde sind, einen neuen Blickwinkel zu liefern.