Humorvoll, aber mit Aussage

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dimity74 Avatar

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Tildaˋs Leben läuft in geordneten Bahnen, die 52jährige ist stolze Mutter, ihre Zwillingsmädchen feiern demnächst ihren 21. Geburtstag, ihr kleines Unternehmen, das sie mit ihren zwei besten Freundinnen führt ist mehr als erfolgreich und ermöglicht ihr auch nach der Scheidung von ihrem Ehemann ein sorgenfreies Leben. Tilda könnte eigentlich glücklich sein, hadert aber natürlich trotzdem, mit ihrem Job, ihrem Aussehen, ihrer Figur, ihrem Singledasein und damit, dass sie ihre Leidenschaft für die Fotographie nicht so ausgelebt hat, wie sie es immer wollte. Als sie plötzlich das Fehlen ihres kleinen Fingers bemerkt, geht Tilda beunruhigt zum Arzt und erhält eine erschreckende Diagnose, die alles verändert.

Jane Tara hat ein wirklich sehr interessantes Szenario zum Thema ihres Buches gemacht, denn die Diagnose, die ihre Hauptfigur Tilda bekommt ist "Unsichtbarkeitskrankheit". Eine Erkrankung, die Frauen jenseits der fünfzig betrifft und in deren Verlauf erst einzelne Körperteile und letztlich die ganze Person für ihre Umgebung unsichtbar wird. Die Prognose ist denkbar schlecht, gilt die Erkrankung doch als unheilbar.

Als Leser könnte man erstmal denken, man ist versehentlich im falschen Genre gelandet und liest einen fantastischen Roman, dem ist aber gar nicht so, denn die Unsichtbarkeit dient hier als Metapher für ein Problem, das viele Frauen ab einem gewissen Alter betrifft. Das "nicht mehr gesehen werden" ist ein durchaus bekanntes Phänomen, das natürlich im Berufsleben zum tragen kommt, wenn Frauen zb auf Grund ihres Alters bei der Einstellung, oder Beförderungen übergangen werden, in Punkto Beziehung ein wichtiges Thema ist, wenn Männer sich von ihrer Partnerin trennen, um mit einer Jüngeren eine neue Familie zu gründen, oder aber auch allgemein innerhalb der Familie, wenn zb die Leistung der Ehefrau und Mutter ganz selbstverständlich wird und keinerlei Dank und Wertschätzung mehr erfährt. Für mich war das Ganze erst etwas weit hergeholt, aber je mehr ich ins Buch eingetaucht bin, um so mehr Kleinigkeiten habe ich bemerkt, die auch auf mich persönlich passen. Zum Glück habe ich noch keines meiner Körperteile eingebüßt, aber beim Lesen bin ich doch schon ins Grübeln gekommen.

Die Autorin schreibt sehr leicht und eingängig, sie blättert Tildas Leben und ihre Erinnerungen vor dem Leser auf und nimmt ihn mit auf eine emotionale Reise. Es beginnt mit Tildaˋs Diagnose, durchläuft verschiedenste Stadien über Verleugnung, Resignation, oder Wut, bis hin zu einer deutlichen Kampfansage an die Erkrankung. Tilda findet dabei Hilfe in einer Selbshilfegruppe, entdeckt Meditation für sich, setzt sich mit Esoterik auseinander und tut, entgegen dem Rat ihrer Ärztin genau das, was wohl jeder von uns getan hätte, sie fragt Doktor Google. Hier kommt es durchaus zu einigen sehr humorvollen Szenen. Der Humor ist definitiv etwas, dass mir an diesem Buch besonder gefallen hat, natürlich ist an einer schlimmen Diagnose nichts witzig, aber ich denke Humor und eine positive Grundeinstellung können viel zum Guten beeinflussen, zumindest möchte ich das glauben.

Ich durfte das Buch innerhalb einer Leserunde kennenlernen und ein großer Kritikpunkt meiner Mitleser war Tildas Lebenssituation und ja, sie ist in vielerlei Hinsicht privilegiert, mit einer alleinerziehenden Mutter, die drei Jobs hat, um ihre Familie durchzubringen, hätte die Story nicht funktioniert. Auch ich könnte nicht mal einfach so für 10 Tage ein Retreat besuchen und die wenigsten haben die Möglichkeit einen Termin bei einem sehr erfolgreichen Therapeuten zu bekommen, schon reguläre Arzttermine sind eine Herausforderung und nicht jeder trifft dann auch noch einen reichen, gutaussehenden Surfer, der Single ist und einen toll findet. Ja, vielleicht hat es die Autorin hier etwas realitätsfern übertrieben und ja, ich verstehe die Kritik hier durchaus, aber letztlich hat die Autorin eben auch eine fiktive Geschichte geschrieben, mit fiktiven Figuren, über eine fiktive Krankheiten, die zwar auf ein reales soziopolitisches Problem aufmerksam macht, aber es ist halt in erster Linie ein Roman mit sehr viel Wohlfühlfeeling. Und wohlgefühlt habe ich mich beim Lesen definitiv, Tilda ist eine sympatische Hauptfigur, die vielleicht manchmal etwas sehr auf sich bezogen ist und auch manchmal sehr zum Jammern neigt, die aber dadurch auch greifbar für mich wird, denn ich wäre vielleicht ganz genauso in einer solchen Situation. Auch ich hätte auf das Ein, oder Andere gut verzichten können (nein, ich werde jetzt nicht spoilern), auch mir war es im Mittelteil manchmal etwas zu sehr Ratgeber zur Lebenshilfe und ja, auch ich bin mir bewusst, dass die Heilung einer psychischen Erkrankung ein langwieriger und äusserst intensiver Prozess ist und trotzdem bekommt das Buch von mir in der Gesamtheit die vollen fünf Sterne, eben weil es kein ratgeber ist und nicht den Anspruch erhebt die Lösung für alles zu sein.

Das Buch erzählt eine sehr schöne und mutmachende Geschichte, es erzählt von vielen wunderbaren und starken Frauen, es legt den Fokus auf ein bekanntes Problem und geht dann sehr humorvoll und kreativ an eine Lösung, es wird sicher eine große Leserschaft ansprechen und sicher auch die verschiedensten Reaktionen hervorrufen und das ist gut so. Ich hatte eine schöne Zeit mit Tilda, ihrer Familie und ihren Freunden und ich habe einige interessante Denkanstöße bekommen. Mir hat das Buch gut gefallen.

Zum Abschluss noch etwas, dass ich normalerweise nicht in eine Rezension einfließen lasse, ein Dankeschön an den Diogenes Verlag für das Beibehalten des zeitlosen Designs der Bücher. In Zeiten von KI generierten nullachtfünfzehn Covern ohne Seele und Wiedererkennungswert ist das für mich ein echter Lichtblick.