Spannende Idee

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
ellinorliest Avatar

Von

Viele Frauen machen die Erfahrung, dass sie - je älter sie werden- weniger gesehen werden. Ab einem gewissen Alter sind sie häufig nicht mehr interessant, vor allem für Männer. Sie scheinen zu verschwinden oder unsichtbar zu werden. Mit anderen Augen nimmt dies wörtlich: hier verschwinden die Frauen tatsächlich. Zunächst sind es Finger oder Ohren, die nicht mehr zu sehen sind, danach die ganze Hand, der ganze Arm, bis schließlich nichts mehr übrig ist. Die Körperteile sind dabei weiterhin zu spüren, nur das Auge kann sie nicht mehr erkennen.
Eine dieser Frauen ist Tilda. Sie hat mit zwei Freundinnen erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, ihre beiden Töchter sind aus dem Haus. Der Mann hat sie vor ein paar Jahren für eine jüngere verlassen. Als Tilda die Diagnose Morbus Invisiblis erhält, ist sie schockiert. Doch sie beschließt zu kämpfen und die Krankheit, die viele für unbesiegbar halten, zu überwinden.
Den Gedanken von Mit anderen Augen, dieses reale Problem, dass Frauen weniger sichtbar werden in ein wirkliches Unsichtbarwerden umzusetzen, fand ich fantastisch (im wahrsten Sinne des Wortes). Auch die ganze Umsetzung, die verschiedenen Varianten und dass die Autorin es schafft, dies wirklich bis zum Ende sehr gekonnt durchzuziehen, gefielen mir richtig gut. Was ich ein wenig schade fand, war, dass der Roman nach etwa 200 Seiten für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr zum Selbsthilfebuch wurde. Da hätte in meinen Augen einiges gekürzt werden können. Der Text enthält viele kluge Gedanken, doch dieser Mittelteil war mir ein wenig zu lang. Sehr schön fand ich dagegen, dass Jane Tara teilweise auch viel Humor hineinpackt. Besonders gefiel mir beispielsweise das erste Treffen der Selbsthilfegruppe. Das lockerte die Geschichte sehr auf. Auch die Vipassana-Szenen mochte ich sehr gerne. Hier schafft es die Autorin immer wieder, humorvolles mit ernsthaftem zu verbinden. Sie betrachtet manches mit einem gewissen Augenzwinkern, macht sich aber nie richtig darüber lustig, da am Ende auch immer die positiven Aspekte hervorgehoben werden.
Mit anderen Augen ist ein unterhaltsames Buch, dass an vielen Stellen zum nachdenken anregt, dem ein paar Kürzungen an der ein oder anderen Stelle jedoch nicht geschadet hätten.