Tilda Finch und die Unsichtbarkeit

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yernaya Avatar

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Tilda Finch ist 52 Jahre alt, als sie eine bestürzende Diagnose erhält: sie wird unsichtbar. Nach Ansicht der Schulmedizin und ihrer Ärztin ist morbus invisibilis progredient und unheilbar. Sie befällt Frauen mit zunehmendem Alter und kann zu ihrem völligen Verschwinden führen. Die Gesellschaft nimmt dieses Leiden nicht wahr und die Forschung der Pharmaindustrie beschäftigt sich nicht damit. Wie kann das sein? Und muss sich Tilda wirklich in ein unabwendbares Schicksal fügen?

Nein, Tilda fügt sich nicht! Sie ist eine Frau, deren Leben man als privilegiert bezeichnen kann. Interessanterweise hat dies einige meiner Mitleserinnen gestört, so als ob ein Leben im Wohlstand und mit einem wunderbaren Umfeld automatisch vor Krankheiten schützen würde. Hat Tilda das Recht dazu, unsichtbar zu werden? Ich denke, dass gerade ihre gesellschaftliche Situation es ihr ermöglicht, sich intensiv mit dieser Diagnose auseinanderzusetzen. Es wäre ein völlig anderes Buch, wenn ihr nicht all die Möglichkeiten offen stehen würden, die sie schlussendlich nutzt. Und es wäre wirklich sehr schade, wenn wir als Leserinnen ihr dabei nicht über die Schulter gucken könnten.

Im ersten Moment ist Tilda bestürzt und betäubt sich mit Alkohol, scharrt ihre Freundinnen um sich und versucht zugleich, diese Krankheit zu verbergen. Doch dann setzt sie sich mehr und mehr mit der Unsichtbarkeit und möglichen Therapien auseinander. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe, geht zu einer Therapeutin mit einem alternativen Heilungsansatz, nutzt Apps zur Meditation und meldet sich zu einem Schweige- und Meditations-Retreat an. Was sich nach einem schwermütigen Depressionsroman anhört, ist in Wirklichkeit voller Lebendigkeit. Das liegt sicherlich an der sehr sympathischen Tilda, die wunderbar authentisch gezeichnet wird. Wir begleiten sie durch emotionale Höhen und Tiefen, durchleben Schmerzhaftes ebenso wie Lebensfreude und Liebe. Und es liegt an dem wunderbaren Humor, mit dem die australische Autorin Jane Tara ihre Heldin ausgestattet hat. Tara geht wertschätzend und einfühlsam mit ihren Protagonistinnen um. Niemand wird vorgeführt. Man mag der Autorin vorwerfen, dass sie zu viele Klischees bedient und manche Passagen nach einem Ratgeber klingen. Aber dadurch ermöglicht sie es den Leserinnen, sich mit ihrer eigenen Selbstwahrnehmung über den spielerischen Vergleich zu Tilda auseinanderzusetzen. Manches ist eine literarische Therapiestunde, aber immer schwingt eine Leichtigkeit mit, die uns davor bewahrt in Düsternis zu versinken. Denn Tilda tut das auch nicht.

MIT ANDEREN AUGEN ist kein Psychoratgeber, keine Kampfschrift des Feminismus und manchmal ist das auch gar nicht erforderlich. Ich kann die Kritik nachvollziehen, dass Tara benachteiligende Strukturen individualisiert. Aber manchmal ist ein Unterhaltungsroman auch einfach nur ein Unterhaltungsroman. Schön, wenn er dabei auch noch Frauen unterstützt, sich selbst zu stärken. Und auch eine zugegebenermaßen überkandidelte Liebesgeschichte kann ich der Autorin verzeihen. Das Buch hat einfach andere Stärken.

Ich sage das nicht oft über Bücher, aber dieses werde ich sicherlich bald noch einmal lesen. Ich vergebe 5/5 Sternen ⭐⭐⭐⭐⭐.