Unsichtbarkeit

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Morbus Invisibilis. Eine Unsichtbarkeitserkrankung wird Tilda diagnostiziert. Wie kommt es dazu? Eines Tages sieht sie ihren kleinen Finger nicht mehr, es folgen Nase und ein Ohr.

Dass Frauen ab einem bestimmten Alter, das durchaus variabel ist, sich nicht mehr gesehen fühlen, dürfte jedem bekannt sein. Egal, ob es einen selber betrifft oder ob man so manches Gespräch mitverfolgt, dieses Phänomen ist allgegenwärtig und hauptsächlich sind es Frauen, die mit sich und der Welt hadern. Es ist fühlbar, nicht mit Händen zu greifen.

Tilda jedoch sind gut sichtbar bzw. eben nicht mehr sichtbar einige Körperteile beim Blick in den Spiegel abhanden gekommen. Ein Szenario, dem Jane Tara sich hier annimmt. Tilda hat mit Freunden ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, ihre Zwillingstöchter gehen ihren eigenen Weg, auch ist sie kreativ unterwegs – sie hätte also keinen Grund, sich zu beklagen. Und doch fehlt etwas in ihrem Leben. Zudem ist sie selbstkritisch, ihr Selbstwert ist angekratzt, man könnte durchaus meinen, das Ich, die Selbstliebe, die Zufriedenheit mit sich selbst ist irgendwann verloren gegangen.

Sind wir nicht alle ein wenig Tilda? Rennen dem äußeren Schein nach, denken an jeden, wollen es allen recht machen, trainieren uns verbissen jedes vermeintlich überflüssige Gramm ab, wollen perfekt sein in den Augen der anderen. Und vergessen dabei uns selbst.

Jane Tara hält uns den Spiegel vor, ihre Tilda ist direkt aus dem Leben gegriffen. Eine ganz normale Frau, die funktioniert. Mit ihren 52 Jahren ist sie nicht mehr jung, aber alt ist sie noch lange nicht, sie steht mit beiden Beinen im Leben. „Mit anderen Augen“ ist klug, ist witzig, ist originell und unterhaltsam. Sichtbarkeit fängt immer bei uns selbst an, der blinde Patrick, der urplötzlich in Tildas Leben drängt, macht es vor. Ein Buch, dessen Botschaft als Metapher der sichtbaren Unsichtbarkeit daherkommt, zuweilen etwas zu ausführlich ins Detail gehend, aber dennoch gut nachvollziehbar.

Mein Schlusswort gebe ich an Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ weiter, der auch im Buch – wie viele andere, den Kapiteln vorangestellten, sinnigen Sprüchen – mit einfließt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“