Weibliche Unsichtbarkeit: Origineller Debütroman

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downey_jr Avatar

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Tilda Finch, 52 Jahre alt, geschieden, Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern und eine erfolgreiche Unternehmerin, kann es nicht glauben: Eines Tages ist plötzlich ihr kleiner Finger verschwunden. Als auch eines ihrer Ohren nicht mehr zu sehen ist, geht sie zu ihrer Hausärztin, die ihr diagnostiziert: sie leidet an Unsichtbarkeit. Eine Krankheit, die vorwiegend Frauen ab 50 Jahren betrifft - und die zu Tildas Entsetzen nicht heilbar ist.
Doch zum Glück hat Tilda zwei beste Freundinnen, die ihr zur Seite stehen und sie ermutigen, gegen ihr Schicksal anzukämpfen. Anfangs widerwillig, geht Tilda zu einer Selbsthilfegruppe und einer Therapeutin, beginnt zu meditieren ... und tatsächlich beginnt sie, sich selbst und die Welt mit anderen Augen zu betrachten.

„Tilda ließ das Buch sinken und dachte darüber nach, wie sie sich der Welt präsentierte. Sie strahlte Gelassenheit aus, wirkte selbstbewusst und erfolgreich. Und doch hatte sie sich hinter verschlossenen Türen mit einer Beziehung arrangiert, die sie schon seit Jahren als destruktiv erkannt und die Stück für Stück ihr Selbstwertgefühl untergraben hatte. Der Grund, dass sie diesem Mann eine so entscheidende Rolle in ihrem Leben eingeräumt hatte, lag darin, dass sie überzeugt war, nichts Besseres zu verdienen. Sie glaubte nicht, dass sie einen Mann verdiente, der sich klar für sie entschied, der immer da war und sie wirklich liebte. Mit Entsetzen stellte Tilda fest, dass sie sich jahrelang darum gesorgt hatte, wie Tom sie wohl sah, aber nie darum, wie sie selbst sich sah. Sie hatte nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse geachtet. Sich nie Zeit für sich genommen. Ihre Sehnsucht nach kreativem Ausdruck ignoriert. Den Krieg in ihrem Kopf nicht beachtet. Für Tom hatte sie ihre Seele entkernt, aber ihm war das trotzdem nicht genug. Er hatte sein Desinteresse auf tausend verschiedene Weisen gezeigt, aber seine Meinung von ihr war ihr trotzdem so wichtig geblieben, dass sie ihre eigene aus dem Blick verloren hatte. Sie hatte sich selbst aus dem Blick verloren.“

Die Idee des Romans hatte mich sofort begeistert, auch wenn sie sich für manche*n absurd anhören mag. Aber ist es nicht so, dass wir Frauen (besonders ab einem gewissen Alter), oft übersehen, nicht gesehen werden?
Jane Tara hat dieses Thema hier in einer wirklich fantasievollen und schönen Geschichte gepackt, ein wahres Lesevergnügen!
Sehr gut gefallen haben mir auch die Zitate zu Beginn der Kapitel, die sich viel um das Thema „gesehen werden“ bzw. „sich selbst sehen“ drehen.

Ein paar kleine Kritikpunkte habe ich: Der Roman ist teilweise leider recht klischeebeladen, manche Entwicklungen waren recht vorhersehbar für mich. Der Schreibstil von Jane Tara gefällt mir aber ausgesprochen gut.

Insgesamt ist „Mit anderen Augen“ ein wirklich kluger, inspirierender Roman mit dem richtigen Mix aus Humor und Tiefe. Ich empfehle ihn allen Frauen, denn: Wir müssen uns selbst sehen, um gesehen zu werden!

Vielen Dank an den Diogenes Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚