Wer sieht mich?

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buecher.am.meer Avatar

Von

Mit anderen Augen von Jane Tara
Aus dem australischen Englisch von Tanja Handels

Was würdest du tun, wenn du plötzlich beginnst zu verschwinden?

Genau das passiert der 52-jährigen Tilda Finch: Nach und nach verschwinden einzelne Körperteile – erst ein Finger, dann weitere. Schmerzlos. Lautlos. Unaufhaltsam.

Diese Idee ist so surreal und gleichzeitig so beunruhigend, dass man gar nicht anders kann, als weiterzulesen.

Doch schnell wird klar: Es geht hier um weit mehr als eine mysteriöse „Krankheit“.

Tildas Diagnose – Unsichtbarkeit – wird zu einer eindringlichen Metapher für etwas, das viele Frauen kennen dürften: das Gefühl, mit zunehmendem Alter übersehen zu werden. Nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Nicht mehr wirklich wahrgenommen zu werden – weder von anderen noch von sich selbst.

Der Roman erzählt dieses schwere Thema mit einer gewissen Leichtigkeit, mit Witz, aber auch mit emotionaler Tiefe. Tilda ist keine makellose Heldin, sondern eine Figur, die zweifelt, hadert und dennoch versucht, sich nicht einfach aufzulösen – und genau das macht sie so nahbar.

Gleichzeitig regt die Geschichte zum Nachdenken an:
Wie sehen wir uns selbst?
Und wie sehr hängt unser Selbstwert davon ab, wie sichtbar wir für andere sind?

Was mir persönlich etwas gefehlt hat, ist eine noch deutlichere und differenziertere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strukturen dahinter – insbesondere mit den patriarchal geprägten Erwartungen, die dazu beitragen, dass Frauen im Laufe ihres Lebens „unsichtbarer“ werden. Auch die Auflösung hätte für mich noch etwas tiefgründiger und vielschichtiger sein dürfen.

Dennoch bleibt es ein spannendes Gedankenspiel mit einer starken Grundidee, das wichtige Fragen aufwirft und nachhallt.

✨ Für mich ein Roman über Identität, Selbstwahrnehmung und den Mut, sich selbst (wieder) zu finden – gerade dann, wenn man droht, sich zu verlieren.