Wieder sichtbar werden und die Geschichte umschreiben
Mit anderen Augen ist ein Buch, das Welten bewegen kann. Humorvoll geschrieben und höchst relevant. Für sehr viele Menschen.
Tilda Finch verschwindet. Ihr kleiner Finger wird unsichtbar, Nase, Ohr und Hals folgen. Unsichtbarkeit im zweiten Stadium. Das erste Stadium betrifft 90 % aller Frauen ab 50. Die ersten Symptome sind, nicht mehr bedient zu werden oder bei Beförderungen übergangen zu werden trotz der besten Qualifikation. Weil es Frauen betrifft, werden kaum Gelder in die Forschung investiert. Die Schulmedizin sagt, es sei unheilbar.
Doch Tilda hat zwei großartige Töchter, ist eine erfolgreiche Unternehmerin und hat die besten Freundinnen der Welt. Warum wird sie unsichtbar?
Das Geheimnis liegt in den Geschichten, die sie sich erzählt. Unsere Narrative, die schon in der Kindheit einprogrammiert werden bestimmen, wie wir uns selbst und die Welt sehen. Es scheint, als könnte Tilda sich selbst nicht mehr sehen.
Und da war es. Tilda ist eine Protagonistin, die ich schütteln möchte, damit sie erkennt, was für eine tolle Frau sie ist, was sie alles erreicht hat und dass sie jeden Grund hat, sich zu feiern. Aber da sind diese Glaubenssätze, die sie unbewusst kultiviert. Das kannst Du doch ändern, Tilda!
Ich habe die Seiten verschlungen und mitgefühlt, mit erkannt und mit nachgedacht. Ich saß mit Tilda bei der schillernden Therapeutin Selma, die die Unsichtbarkeit besiegt hat und seitdem als Quacksalberin und Scharlatanin geächtet wird. Wir haben gemeinsam der inneren Stimme gelauscht und waren erstaunt, welche Dialoge sich entspinnen.
Sich selbst mit anderen Augen zu sehen verändert die Sicht auf die Welt. Die Geschichten, die Tilda sich erzählt hat, haben sich über 50 Jahre aufgebaut. Die Erzählung lässt sich vielleicht nicht in wenigen Wochen umschreiben. Aber mit ein bißchen Zeit und Selbstfürsorge ist vieles möglich. Das Gehirn hat schließlich Superkräfte.
Dieses Buch ist ermutigend, fragt nach weiblicher Identität, gibt Denkanstöße und hat irrsinnig viel Humor. Es ist ironisch, bissig, reflektiert und nachvollziehbar. Ich liebe es und würde es sofort an unfassbar viele Frauen weiter verschenken.