poetische Sprache, soghaft, intensiv
Lilli Tollkiens Debütroman ist eine schonungslose, dunkel-luzide Coming-of-Age-Geschichte, angesiedelt im West Berlin der 80erJahre Erzählt wird von Lale, einem Pflegekind, das in einer Männer-WG in Neukölln aufwächst, wo die Freiheit der Erwachsenen als unantastbar gilt und das Bedürfnis eines Kindes nach Sicherheit als lästige Notwendigkeit behandelt wird. Das Buch ist in der Ich-Perspektive und überwiegend im Präsens geschrieben, was ihm Tempo und eine unmittelbare, gelebte Gegenwärtigkeit verleiht. Tollkiens sinnliche Sprache ist präzise und unerbittlich: der Geruch verschiedener Tabaksorten, die Süße von Lutschern und Ovomaltine, die Beschaffenheit schmutziger Wäsche, die Geräusche, die spät in der Nacht durch dünne Wände dringen. Lales geschärfte Wahrnehmung wirkt weniger wie Lyrik als vielmehr wie eine poetische Überlebensstrategie – eine Art, die Atmosphäre zu lesen, bevor sie kippt.