Wenn Freiheit zur Festung wird
Die Leseprobe aus Lilli Tollkiens Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ schildert die ersten Lebensjahre einer Ich-Erzählerin im Berlin der 1980er Jahre. Diese sind geprägt von Sucht, politischem Aktivismus und mangelnden Grenzen.
Den Schreibstil könnte man "mutig" nennen. Die Entscheidung, die Geschichte im Mutterleib beginnen zu lassen, ist ein gewagtes literarisches Konstrukt. Während es die sensorische Welt des Kindes (Süße des Fruchtwassers durch Haribo, das Ticken der Außenwelt) greifbar macht, wirkt es zugleich recht konstruiert. Es stellt sich die Frage, ob diese fast schon klinisch-analytische Rückschau einer ungeborenen Erzählerin den Leser nicht eher auf Distanz hält, anstatt ihn emotional unmittelbar einzubinden. Der Wechsel von kindlicher Wahrnehmung zu fast soziologischen Reflexionen über das „neonatale Abstinenzsyndrom“ oder die „Architektur der Wohnung“ wirkt auf mich zudem etwas holprig.
Der Spannungsaufbau basiert fast ausschließlich auf Extremsituationen: Heroinentzug im Inkubator, Banküberfälle mit Kleinkindern im Fluchtauto, Tablettenvergiftung und angedeuteter Missbrauch. Die Dichte an Schicksalsschlägen ist so hoch, dass die einzelnen Momente kaum Raum zum Atmen haben.
Die Charaktere dieser Geschichte sind unzuverlässig, egoistisch und oft fahrlässig. Aber gerade diese Hässlichkeit macht sie irgendwie auch glaubwürdig. Die Geschichte gewinnt ihren Reiz nicht aus der Liebenswürdigkeit der Figuren, sondern aus der brutalen Ehrlichkeit, mit der gezeigt wird, wie eine Generation von Erwachsenen ihre Kinder in ihrem Wunsch nach gesellschaftlicher Befreiung schlichtweg vergessen hat.
Kritisch betrachtet könnte man sagen: Das Buch resp. die Leseprobe ist anstrengend. Die Geschichte ist brutal, hart und kalt. Aber genau hier liegt m.E. auch die Stärke. Der Text verweigert sich der nostalgischen Verklärung der (Berliner) Hausbesetzer-Szene und schildert die Hässlichkeit dieser "Freiheit". Das ist eine interessante Perspektive. Daher würde ich das Buch weiterlesen.
Das Buchcover wirkt künstlerisch und intim, was auch gut zu der persönlichen Erzählweise passt. Die Typografie wirkt auf mich allerdings sehr wuchtig und fast schon überladen.
Den Schreibstil könnte man "mutig" nennen. Die Entscheidung, die Geschichte im Mutterleib beginnen zu lassen, ist ein gewagtes literarisches Konstrukt. Während es die sensorische Welt des Kindes (Süße des Fruchtwassers durch Haribo, das Ticken der Außenwelt) greifbar macht, wirkt es zugleich recht konstruiert. Es stellt sich die Frage, ob diese fast schon klinisch-analytische Rückschau einer ungeborenen Erzählerin den Leser nicht eher auf Distanz hält, anstatt ihn emotional unmittelbar einzubinden. Der Wechsel von kindlicher Wahrnehmung zu fast soziologischen Reflexionen über das „neonatale Abstinenzsyndrom“ oder die „Architektur der Wohnung“ wirkt auf mich zudem etwas holprig.
Der Spannungsaufbau basiert fast ausschließlich auf Extremsituationen: Heroinentzug im Inkubator, Banküberfälle mit Kleinkindern im Fluchtauto, Tablettenvergiftung und angedeuteter Missbrauch. Die Dichte an Schicksalsschlägen ist so hoch, dass die einzelnen Momente kaum Raum zum Atmen haben.
Die Charaktere dieser Geschichte sind unzuverlässig, egoistisch und oft fahrlässig. Aber gerade diese Hässlichkeit macht sie irgendwie auch glaubwürdig. Die Geschichte gewinnt ihren Reiz nicht aus der Liebenswürdigkeit der Figuren, sondern aus der brutalen Ehrlichkeit, mit der gezeigt wird, wie eine Generation von Erwachsenen ihre Kinder in ihrem Wunsch nach gesellschaftlicher Befreiung schlichtweg vergessen hat.
Kritisch betrachtet könnte man sagen: Das Buch resp. die Leseprobe ist anstrengend. Die Geschichte ist brutal, hart und kalt. Aber genau hier liegt m.E. auch die Stärke. Der Text verweigert sich der nostalgischen Verklärung der (Berliner) Hausbesetzer-Szene und schildert die Hässlichkeit dieser "Freiheit". Das ist eine interessante Perspektive. Daher würde ich das Buch weiterlesen.
Das Buchcover wirkt künstlerisch und intim, was auch gut zu der persönlichen Erzählweise passt. Die Typografie wirkt auf mich allerdings sehr wuchtig und fast schon überladen.