Zwischen Freiheit und Halt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
apfelmaus Avatar

Von

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein eindringlicher, sehr persönlicher Roman über das Aufwachsen in einer Umgebung, die nach Freiheit klingt, aber oft nach Vernachlässigung schmeckt. Lilli Tollkien erzählt in einer poetischen, körpernahen Sprache von Lale, die in den 1980er-Jahren in einer Berliner Männer-Kommune groß wird – umgeben von politischen Ideen, Exzessen und vermeintlicher Grenzenlosigkeit, während ihr Verlässlichkeit und Geborgenheit fehlen.

Besonders beeindruckt hat mich der Schreibstil: ruhig, verletzlich und gleichzeitig sehr klar. Die Autorin scheut sich nicht davor, schwierige Erfahrungen direkt zu benennen, ohne sie auszuerzählen oder zu erklären. Vieles wirkt fragmentarisch, erinnerungsartig – genau dadurch entfaltet der Text seine emotionale Kraft. Man spürt, wie früh sich Erfahrungen in Körper und Sprache einschreiben und wie Erzählen später zu einem Akt der Selbstverortung wird.

Der Roman balanciert gekonnt zwischen Nähe und Distanz. Er urteilt nicht, sondern beobachtet, lässt Raum für Ambivalenzen und zeigt, wie schmal der Grat zwischen Freiheit und Überforderung sein kann. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist kein lautes Buch, aber eines, das lange nachhallt – sensibel, authentisch und von großer poetischer Spannkraft. Ein intensiver Leseeindruck, besonders für Leser*innen, die literarische Texte mit biografischer Tiefe schätzen.