Atmosphärisches Debüt

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_talia_ Avatar

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"Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist ein sprachlich starker und aus meiner Sicht literarisch sehr ansprechender Roman. Nicht immer steht die Handlung als solche, sondern vielmehr eine konkrete Momentaufnahme oder ein Gefühl im Vordergrund der Erzählung. Selten habe ich so ein atmosphärisches Debüt gelesen.
Der Roman gewährt einen schonungslosen Einblick in das Leben von Lale, die in einer Männer-WG (in der auch ihr Vater lebt) aufwächst. Ihre Mutter ist abhängig und kann (und darf) nicht für sie sorgen. Trotz dessen, dass Lales Werdegang aus Sicht der nun erwachsenen Lale erzählt wird, bewahrt sich die Erzählerin die zunächst unschuldige Perspektive der Kindheit, bevor sie die Perspektive eines Teenagers einnimmt. Der Leser darf Lale schließlich bis ins Erwachsenenalter begleiten. Die vielen Widrigkeiten und Übergriffe, die Lales Leben prägen sind fast nur deshalb erträglich, da man weiß, dass Lale es (irgendwie) schaffen wird.
Lillie Tollkien hat aus meiner Sicht die Charakterisierung ihrer Figuren gemeistert. Es gibt (fast) kein Schwarz/Weiß - (fast) jede Person, der Lale begegnet (und auch Lale selbst) wird einfach so dargestellt, wie ist ist.
Die aus meiner Sicht einzigen (aber für mich leider sehr prominenten) Schwächen sind das nicht vorhandene Ende und damit zusammenhängend die Länge des Romans und die fehlende Kernaussage des Romans. Mit 255 Seiten ist das Buch doch sehr kurz, vor allem, da ich das Gefühl hatte, dass wichtige Abschnitte aus Lales (Erwachsenen-)Leben nicht erzählt wurden. Ich hätte gerne mehr gelesen. Ein wirkliches Ende gibt es nicht. Ich wurde mit vielen Fragen zurückgelassen. Das Buch hat sich einfach nicht "rund" angefühlt. Eine große Frage, die mich beschäftigt hat, war auch die Frage, nach der Kernaussage des Buches. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob ein Roman eine solche zwingend braucht. Mir jedoch hat eine solche gefehlt, insbesondere da ich nicht verstehe, was die Autorin mit dem sehr abrupten Abbruch der Erzählung ausdrücken wollte.