Bewegendes Debüt

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Mit beiden Händen den Himmel stützen, Romandebüt von Lilli Tollkien, Ebook, Aufbau-Digital
Eine Jugend im Ausnahmezustand
Lale wird mit einem Abstinenzsyndrom geboren, weil ihre Mutter ihr schon pränatal Drogen verpasst hat, sie wächst in den 80er Jahren in Berlin, in der Männer-WG ihres Vaters auf. der Vater, sitzt bei ihrer Geburt im Knast. Um das Pflegegeld zu bekommen, wird sie in dieser Gruppe aufgenommen, inmitten von Drogen, Rausch und Vernachlässigung, Grenzen werden ihr hier keine gesetzt. Wenn sich nicht wechselnde Lebensabschnittsgefährtinnen ihres Vaters um sie kümmern, ist sie knapp an der Verwahrlosung, antiautoritär und auch sexuell bedrängt, wird sie erwachsen und sucht ihren eigenen Weg. Alleine.
Autobiographische Roman, das Debüt der Autorin hat mich unheimlich betroffen gemacht, hier wird schonungslos und ernüchternd geschrieben, wie die Protagonistin aufwächst. Von vor ihrer Geburt bis zur Geburt ihres Kindes, Ein Coming of Age Roman der es in sich hat. Geschrieben im Ich-Stil aus der Sicht von Lale. Die Sprache ist sehr direkt, Eigennamen, Film- und Liedtitel, sowie Zitate sind kursiv hervorgehoben. Der atmosphärisch dichte Roman ist erschütternd, ein Wunder, dass es die Autorin geschafft hat, der schwere Start, die Vernachlässigung ohne Autorität, in der Kommune zwischen Sex Drogen und Missbrauch. Immer wieder habe ich es kaum mehr ertragen und überlegt ob ich das Buch zur Seite lege, dennoch habe ich es fast in einem Rutsch ausgelesen. Wäre es nicht auf der Longlist des Buchhandels erschienen wäre ich wohl kaum aufmerksam geworden. Wieviel Autofiktionalität das Buch beinhaltet bleibt dem Leser überlassen.
Die Figuren haben mich regelrecht runtergezogen, keiner der Männer wie auch Frauen, sind positiv beschrieben. Am meisten haben mich ihre Eltern aufgeregt. Wie konnte ihre Mutter ihr das antun, wieso hat ihr Vater weggesehen, anscheinend hat sie ihn am Ende sogar noch aufopfernd gepflegt. Eine Welt die nicht meine ist. Ein Buch das einen ganz tief geht, ich persönlich war froh, dass ich durch bin, ich werde noch ein wenig daran zu beißen haben. Ich habe mich geekelt, wurde zornig und habe auch Tränen verdrückt. Trotzdem sollte es gelesen werden, es hat mich auch stark an „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ erinnert. Hochachtung vor der Autorin, Tollkien ist eine starke und vor allem kluge Frau, die Schule und das Lernen hat ihr scheinbar kaum Mühe gemacht. Im Gegenteil, die Regeln dort haben ihr wohl eher Halt gegeben.
Mit Vorsicht zu genießen, weil verschiedene belastende Themen zur Sprache kommen. Von mir eine Leseempfehlung und vier Sterne.