Ein Buch, das mit voller Gewalt einschlägt ...
MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN
Lilli Tollkien
ET: 11.03.26
„Das Fruchtwasser, von dem ich täglich einen halben Liter trinke, schmeckt süß, denn meine Mutter ernährt sich von Haribo Colorado. Sie klammert sich an den Zucker, braucht ihn als Ersatz für das Heroin, auf das sie zu verzichten versucht, jetzt da sie mit mir schwanger ist. […] Ich werde nicht auf die Brust meiner Mutter gelegt. Unter kontrollierten Außenbedingungen, im Mikroklima des Inkubators, mache ich den Entzug, den meine Mutter nicht geschafft hat. Es ist Winter 1980 …“
Direkt nach der Geburt wird Lales Mutter das Sorgerecht entzogen. Auch ihr leiblicher Vater, der ausgerechnet an diesem Tag einen Geldtransporter überfällt und verhaftet wird, kommt als Erziehungsberechtigter nicht infrage. Doch Lale scheint zunächst Glück zu haben: Ein Freund des Vaters übernimmt die Rolle des Pflegevaters und nimmt sie in seiner Berliner WG auf – einer Wohngemeinschaft, die ausschließlich aus Männern besteht.
Geborgenheit findet Lale dort jedoch nicht. Sie wächst in einem Umfeld auf, das von Vernachlässigung geprägt ist. Freundinnen der Männer gehen ein und aus, Alkohol und Drogen gehören zum Alltag und liegen frei herum. Während die Männer ausschlafen, ist das kleine Mädchen morgens oft auf sich allein gestellt. Das Jugendamt schaut nur selten und angekündigt vorbei.
Erst als Lale in die Schule kommt, begegnet sie zum ersten Mal festen Regeln und klaren Grenzen. Ausgerechnet diese Einschränkungen geben ihr ein Gefühl von Halt und Struktur. Doch wie sehr die ersten Jahre ihres Lebens sie geprägt haben und welchen Weg sie später einschlägt, müsst ihr selbst herausfinden.
Uff. Dieses Buch hat mich gleich zu Beginn hart getroffen. Nach dem ersten Kapitel musste ich es erst einmal zur Seite legen. Was Lale in ihrer Kindheit erlebt, ist schwer auszuhalten und sollte kein Kind erfahren müssen. Viel zu oft werden Warnsignale übersehen, und auch das Jugendamt wirkt hier erschreckend passiv.
Ich habe beim Lesen stark mit Lale mitgefühlt und mich über die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen geärgert. Manchmal wurde es mir zu viel – und trotzdem wollte ich unbedingt wissen, ob Lale irgendwann ein kleines bisschen Glück findet. Genau diese Hoffnung hat mich durch die Seiten getragen.
Besonders mochte ich die vielen kleinen Flashbacks in die 80er-Jahre: Musik, Süßigkeiten und Alltagsgegenstände wie der Walkman rufen Erinnerungen wach und verankern die Geschichte stark in ihrer Zeit.
Fazit:
Ein schmerzhaftes und eindringliches Debüt über eine Kindheit ohne Halt, das lange nachwirkt.
5/5
Lilli Tollkien
ET: 11.03.26
„Das Fruchtwasser, von dem ich täglich einen halben Liter trinke, schmeckt süß, denn meine Mutter ernährt sich von Haribo Colorado. Sie klammert sich an den Zucker, braucht ihn als Ersatz für das Heroin, auf das sie zu verzichten versucht, jetzt da sie mit mir schwanger ist. […] Ich werde nicht auf die Brust meiner Mutter gelegt. Unter kontrollierten Außenbedingungen, im Mikroklima des Inkubators, mache ich den Entzug, den meine Mutter nicht geschafft hat. Es ist Winter 1980 …“
Direkt nach der Geburt wird Lales Mutter das Sorgerecht entzogen. Auch ihr leiblicher Vater, der ausgerechnet an diesem Tag einen Geldtransporter überfällt und verhaftet wird, kommt als Erziehungsberechtigter nicht infrage. Doch Lale scheint zunächst Glück zu haben: Ein Freund des Vaters übernimmt die Rolle des Pflegevaters und nimmt sie in seiner Berliner WG auf – einer Wohngemeinschaft, die ausschließlich aus Männern besteht.
Geborgenheit findet Lale dort jedoch nicht. Sie wächst in einem Umfeld auf, das von Vernachlässigung geprägt ist. Freundinnen der Männer gehen ein und aus, Alkohol und Drogen gehören zum Alltag und liegen frei herum. Während die Männer ausschlafen, ist das kleine Mädchen morgens oft auf sich allein gestellt. Das Jugendamt schaut nur selten und angekündigt vorbei.
Erst als Lale in die Schule kommt, begegnet sie zum ersten Mal festen Regeln und klaren Grenzen. Ausgerechnet diese Einschränkungen geben ihr ein Gefühl von Halt und Struktur. Doch wie sehr die ersten Jahre ihres Lebens sie geprägt haben und welchen Weg sie später einschlägt, müsst ihr selbst herausfinden.
Uff. Dieses Buch hat mich gleich zu Beginn hart getroffen. Nach dem ersten Kapitel musste ich es erst einmal zur Seite legen. Was Lale in ihrer Kindheit erlebt, ist schwer auszuhalten und sollte kein Kind erfahren müssen. Viel zu oft werden Warnsignale übersehen, und auch das Jugendamt wirkt hier erschreckend passiv.
Ich habe beim Lesen stark mit Lale mitgefühlt und mich über die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen geärgert. Manchmal wurde es mir zu viel – und trotzdem wollte ich unbedingt wissen, ob Lale irgendwann ein kleines bisschen Glück findet. Genau diese Hoffnung hat mich durch die Seiten getragen.
Besonders mochte ich die vielen kleinen Flashbacks in die 80er-Jahre: Musik, Süßigkeiten und Alltagsgegenstände wie der Walkman rufen Erinnerungen wach und verankern die Geschichte stark in ihrer Zeit.
Fazit:
Ein schmerzhaftes und eindringliches Debüt über eine Kindheit ohne Halt, das lange nachwirkt.
5/5