Ein Buch, das wütend macht!

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k.olibri Avatar

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Ein berührende Roman vom Aufbau Verlag, den man nicht so schnell vergisst.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist kein Buch, das sich leicht zusammenfassen lässt. Man steigt in eine Gefühlswelt eines Kindes, einer Jugendlichen, einer Erwachsenen ein, ja, die man fast mit den Händen greifen kann und die einen nicht mehr loslässt. Die Geschichte entwickelt sich zu einer Auseinandersetzung mit der inneren Zerrissenheit der Protagonistin Lale, die getrennt von ihrer Mutter aufwachsen muss, in einer Berliner Männer-Wohngemeinschaft unterkommt, und zwischen der Suche nach Liebe und Anerkennung Vernachlässigung, Demütigung und Missbrauch erlebt.

Worum geht’s?

Lale hat keinen guten Start ins Leben. Aus der Ich-Perspektive berichtet sie eindrucksvoll und nüchtern vom Erwachsenwerden.

„In der 32. Schwangerschaftswoche setzen bei meiner Mutter die Wehen ein, und mein Vater fährt sie ins Krankenhaus. ‚Das überlebe ich nicht‘, sagt sie, und er besorgt ihr Heroin.“

Später wird sie in die Obhut des Jugendamtes gegeben, ihre Mutter wieder mal den Magen ausgepumpt und die Sorge entzogen.
Allerdings kann man mit Pflegekindern auch Geld verdienen, und so wird sie von einem Freund des Vaters in eine Berliner Männer- WG aufgenommen, für 700 Mark im Monat.

Ein Kind weiß nicht, was Anarchie ist, was illegal ist, dass es nicht normal ist, wenn man mit dem Drogenverkauf ein Teil seines Geldes verdient, ob antiautoritäre Erziehung, was Gutes ist, wo die Grenzen sind, wenn es um Körperlichkeit und Sexualität geht.
„Es gab keine Verbote, ich durfte wach bleiben, solange ich wollte, durfte auf Matratzen springen, Nutellabrote essen und Fernsehen und Fanta, soviel ich konnte.“

Später soll sie gesagt haben ihr könnt mir ruhig mal etwas verbieten. Der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle wird sie ihr Leben lang begleiten, wie auch die Angst erkannt zu werden als die, die sie war. Sie verspürt die Unmöglichkeit, Teil einer Gruppe zu sein, Teil von etwas zu sein, das Sinn ergibt und Perspektiven im Leben schaffen kann.

Unbedingte Leseempfehlung!

Das Bild, „mit beiden Händen den Himmel zu stützen“, lässt sich entsprechend als Metapher für den Versuch lesen, eine aus den Fugen geratene Welt wenigstens für einen Moment zusammenzuhalten.
In ihr machen sich Wut und Verzweiflung breit, und das ist einfach wahnsinnig beeindruckend und nahbar geschildert. Man erlebt mit allen Sinnen die Atmosphäre in dieser WG, was die Autorin durch ganz wenige Worte auf den Punkt bringen kann:
„Der Geruch meiner Kindheit setzt sich zusammen aus Schwarzer-Krauser-Tabak, Bier und stockiger Wäsche. Aus Sperma, Haschisch und Überbackenem.“
Wo kann man hingehen, wenn man nirgendwo hingehört? Wer kann man sein, wenn man nicht weiß, wer man ist?

„Ich möchte meiner Mutter nahe sein, aber nicht dieser Frau“.

„Mein Vater hatte mir keinen extra Platz in seinem Leben eingerichtet, doch ich gehörte dazu.“

„Im dunklen Wasser der Nacht wische ich nach dem nächsten großen Traum“.

Ich rate euch, selbst herauszufinden, wie es Lale ergangen ist!