Ein Kind sucht Halt – und findet Worte

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jennifer Avatar

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„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, aber man spürt sofort, wie nah die Handlung an der Realität der Autorin liegt. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, um dieser Art von Erinnerungsarbeit gerecht zu werden, und das hat meinen Zugang zum Buch verändert.
Der Roman spricht sehr ernste Themen an: Alkoholsucht, Drogenkonsum, Vernachlässigung, verbale, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Beim Lesen geht man durch viele Emotionen. Man ist betroffen, wütend, traurig, manchmal abgestoßen, und gleichzeitig fühlt man Lales Angst, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlorenheit und ihre Suche nach Halt. Es gibt Momente, in denen man das Buch einfach zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten.
Einige Dinge konnte ich sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst mit einem alkoholsüchtigen Elternteil aufgewachsen bin. Die morgendlichen Gerüche nach kaltem Rauch und Bier, die Treffen am Kiosk, die übergriffigen „netten“ Erwachsenen, die einen auf den Schoß ziehen wollen – das alles hat mich direkt in meine eigene Kindheit zurückgeworfen. Solche Erfahrungen verändern Kinder nachhaltig, und das zeigt der Roman sehr deutlich.
Gleichzeitig hat das Buch viele nostalgische Momente, die mich als 80er-Jahre-Kind sofort abgeholt haben. Klebrige Schlümpfe, Wassereis, bunte Polyester-Jogginganzüge, Sticker, Kaufhäuser, in denen man alles bekommen hat – das hat schöne Erinnerungen ausgelöst, die neben den schweren Themen stehen, ohne sie zu relativieren.
Am Anfang wirkte der Text auf mich etwas wirr. Als ich dann noch einmal von vorne begonnen und mir mehr Zeit genommen habe, ergab die Erzählweise plötzlich Sinn. Erinnerungen verlaufen nicht linear, sie springen, sie verschieben sich, und genau so erzählt Tollkien. Lale spricht durchgehend aus ihrer Sicht, zwischendurch tauchen Dialoge anderer Personen aus ihrem Umfeld auf. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen.
Was einen immer wieder beschäftigt, ist die Frage, warum niemand Lale geschützt hat. Warum das Jugendamt Besuche ankündigt. Warum Erwachsene wegsehen, obwohl das Elend offensichtlich ist. Diese Fragen bleiben hängen und machen das Buch so herausfordernd.
Auch das Cover mit dem Bild der Künstlerin Xenia Hausner möchte ich hervorheben. Ich finde es sehr schön – die Farben und der Stil passen unglaublich gut zur Stimmung des Buches. Auf Instagram gibt es ein Foto der Autorin, auf dem sie sich das Cover teilweise vors Gesicht hält, und es ist faszinierend, wie perfekt das Design in seiner Gesamtheit harmoniert.

Fazit: Ein intensiver, poetischer und emotional fordernder Roman, der zeigt, wie ein Kind versucht, in einer instabilen Umgebung Halt zu finden. Für mich sind es 5 Sterne, weil die Autorin ihre Erinnerungen in eine Form bringt, die ehrlich wirkt und lange nachklingt.