Eindringliche Worte für ein Aufwachsen im Elend
Wieder ein autofiktionaler Roman, in dem es um das Aufwachsen eines Kindes unter Bedingungen der Verwahrlosung geht. Ich muss mir Mühe geben, dieses Buch objektiv zu beurteilen, weil ich merke, dass ich dieser Thematik in den letzten Jahren schon ein bisschen müde geworden bin. Sind doch unglaublich viele autofiktionale Bücher zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen.
Diesmal ist es eine links-alternative Männer-WG, in der die kleine Lale in den 80er Jahren aufwächst: einer davon ihr leiblicher Vater, die anderen seine Sauf- und Drogenkumpanen, dazu deren wechselnde Bettgenossinnen. Die leibliche Mutter Anne ist drogensüchtig und pendelt zwischen Gefängnis und Notunterkünften hin und her, kann ihre Mutterrolle kaum erfüllen und wird früh sterben. Lale selbst wird in der Männer-WG hauptsächlich sich selbst überlassen, zwischendurch aber auch mal verprügelt und ein anderes Mal von einem der Männer sexuell missbraucht. Für die halbjährlichen Besuche des Jugendamtes wird vorher geputzt, aufgeräumt und das Mädchen instruiert, eine heile Welt vorzuspielen. So ist es kein Wunder, dass auch Lale früh abstürzt, mit Drogen in Kontakt kommt, schwanger wird, abtreibt und dann doch jung Mutter wird. Was sie vielleicht ein bisschen rettet, sind ihre Intelligenz - überraschenderweise schafft sie das Abitur - und ihr Schreibtalent. Dieses zeigt sich, für den Fall, dass die Autorin zumindest zum Teil mit ihrer Ich-Erzählerin gleichzusetzen ist (wie sie schreibt, beruht das Buch ja zum Teil auf wahren Begebenheiten), schon auch in diesem Buch und es finden sich immer wieder eindringliche Sprachbilder für das, was Lale erlebt hat, z.B.
"Ich werde stolpernde Schritte in die feindliche Außenwelt tun, werde versuchen, mich freizuschwimmen und die üblichen Fragen stellen, beim Wachsen und Erwachsenwerden, warum habt ihr, wieso hier und weshalb so anders als die anderen." (S. 62)
"Wenn ich am Abend nicht ruhig liegen kann, endlich schlafen will, komme ich mir vor wie ein Tier ohne Fell. Meine Beine müssen sich bewegen, die Füße unaufhörlich zappeln." (S. 71)
"Nach dem Urlaub trennt er sich von mir, und ich kann es ihm nicht verübeln, habe ich mich doch selbst längst von mir getrennt." (S. 153)
Was mir persönlich etwas zu kurz gekommen ist in diesem Buch, sind weitergehende Erkenntnisse über die umfangreiche Schilderung all des Elends von Lales Aufwachsen unter diesen Umständen hinaus. Ich hätte nämlich gern noch mehr darüber erfahren, wie sie schließlich vielleicht doch den Weg hin zu einer funktionierenden Erwachsenen findet. Stattdessen hätte es nach meinem Geschmack die Hälfte der Vernachlässigungsszenen auch getan, um ein vollständiges Bild davon zu vermitteln. Für mich war es also zu viel Elend und zu wenig Weiterentwicklung in diesem Buch, und dadurch - neben der Sprache - nicht so viel, das es von anderen Werken mit einer ähnlichen Thematik unterscheidet.
Dennoch bewundere ich den Mut, sich aus so einem Hintergrund herauszuarbeiten und die Sprache zu entwickeln, so ein Werk darüber zu verfassen. Für Leserinnen und Leser, die noch nichts zu dieser Thematik gelesen haben, wird es auch sicherlich interessant zu lesen sein.
Diesmal ist es eine links-alternative Männer-WG, in der die kleine Lale in den 80er Jahren aufwächst: einer davon ihr leiblicher Vater, die anderen seine Sauf- und Drogenkumpanen, dazu deren wechselnde Bettgenossinnen. Die leibliche Mutter Anne ist drogensüchtig und pendelt zwischen Gefängnis und Notunterkünften hin und her, kann ihre Mutterrolle kaum erfüllen und wird früh sterben. Lale selbst wird in der Männer-WG hauptsächlich sich selbst überlassen, zwischendurch aber auch mal verprügelt und ein anderes Mal von einem der Männer sexuell missbraucht. Für die halbjährlichen Besuche des Jugendamtes wird vorher geputzt, aufgeräumt und das Mädchen instruiert, eine heile Welt vorzuspielen. So ist es kein Wunder, dass auch Lale früh abstürzt, mit Drogen in Kontakt kommt, schwanger wird, abtreibt und dann doch jung Mutter wird. Was sie vielleicht ein bisschen rettet, sind ihre Intelligenz - überraschenderweise schafft sie das Abitur - und ihr Schreibtalent. Dieses zeigt sich, für den Fall, dass die Autorin zumindest zum Teil mit ihrer Ich-Erzählerin gleichzusetzen ist (wie sie schreibt, beruht das Buch ja zum Teil auf wahren Begebenheiten), schon auch in diesem Buch und es finden sich immer wieder eindringliche Sprachbilder für das, was Lale erlebt hat, z.B.
"Ich werde stolpernde Schritte in die feindliche Außenwelt tun, werde versuchen, mich freizuschwimmen und die üblichen Fragen stellen, beim Wachsen und Erwachsenwerden, warum habt ihr, wieso hier und weshalb so anders als die anderen." (S. 62)
"Wenn ich am Abend nicht ruhig liegen kann, endlich schlafen will, komme ich mir vor wie ein Tier ohne Fell. Meine Beine müssen sich bewegen, die Füße unaufhörlich zappeln." (S. 71)
"Nach dem Urlaub trennt er sich von mir, und ich kann es ihm nicht verübeln, habe ich mich doch selbst längst von mir getrennt." (S. 153)
Was mir persönlich etwas zu kurz gekommen ist in diesem Buch, sind weitergehende Erkenntnisse über die umfangreiche Schilderung all des Elends von Lales Aufwachsen unter diesen Umständen hinaus. Ich hätte nämlich gern noch mehr darüber erfahren, wie sie schließlich vielleicht doch den Weg hin zu einer funktionierenden Erwachsenen findet. Stattdessen hätte es nach meinem Geschmack die Hälfte der Vernachlässigungsszenen auch getan, um ein vollständiges Bild davon zu vermitteln. Für mich war es also zu viel Elend und zu wenig Weiterentwicklung in diesem Buch, und dadurch - neben der Sprache - nicht so viel, das es von anderen Werken mit einer ähnlichen Thematik unterscheidet.
Dennoch bewundere ich den Mut, sich aus so einem Hintergrund herauszuarbeiten und die Sprache zu entwickeln, so ein Werk darüber zu verfassen. Für Leserinnen und Leser, die noch nichts zu dieser Thematik gelesen haben, wird es auch sicherlich interessant zu lesen sein.